Aber Lore, seine gute, treue Lore schlief.
Schlief so fest und so friedlich, der blasse Mund lächelte, und die lieben Augen standen ein ganz klein wenig offen.
Klaus Hansohm, den Liebesdienst kannst du der guten Schwester noch erweisen, kannst ihr die Augen zudrücken, die so müde waren in der letzten Zeit......
„Herr Gott, Herr Gott!“ Nur diese vier Worte stammelte immer wieder der erschütterte Mann. „Herr Gott, Herr Gott.“
Und er sah Dora Stavenhagen aus leidtiefen Augen an. „So rasch mußtest du gehen?“ fragte diese die stumme Schläferin.
Klaus Hansohm war niedergekniet und hatte seinen Kopf auf Lores Hände gelegt.
Fräulein Doktor ging rasch und leise hinaus und holte aus dem oberen Stockwerk eine alte Frau und deren Tochter herunter, die schon manchmal dem Geschwisterpaar Handreichungen getan hatten. „Kein Rufen haben wir gehört“, berichteten sie. „Aber um sieben Uhr hat sie noch ein schönes schönes Lied am Spinett gesungen, und ich meinte noch zur Tochter: Horch, das Fräulein Lore singt uns den Abendsegen....“ So die alte Frau. —
Vorsichtige Hände trugen die Tote auf ihr Lager.
Fräulein Doktor deckte sie mit weißen Linnen zu. Dann nahm sie die Hand des jungen Kollegen und führte ihn sacht hinaus, schloß auch sorglich die Tür ab. Draußen reichte sie ihm Mantel und Hut, und er tat ganz mechanisch, was sie wollte. Mitsammen schritten sie aus dem Hause und nach dem Markte hin, wo Fräulein Doktor wohnte.
Aber sie blieb schon vor dem alten Patrizierhause stehen. „Dort ist jetzt Ihr Platz, Hansohm“, sagte sie in schwesterlicher Güte, als sei sie nun ganz an die Stelle der Heimgegangenen getreten. Und sie zeigte auf das Licht, das noch in Sörensens Wohnzimmer brannte. „Dies Lichtchen ist das einzige, das Ihr Dunkel wieder durchleuchten kann. Gott befohlen, Klaus Hansohm.“