Sie ging mit großen Schritten davon, und Hansohm zog den Hut und sah ihr barhäuptig eine ganze Weile nach. Dann besann er sich, zog die Glocke am alten Hause und bedeutete Frau Dietz, die sich oben am Fenster zeigte, ja, er wolle noch heute abend für eine Weile den Herrn Direktor sprechen.

Sörensen arbeitete. Er sah versonnen auf, als Klaus Hansohm mit schweren, müden Schritten zu ihm trat.

„Meine Loreschwester ist heimgegangen“, sagte er schlicht. Da legte Sörensen mit viel guter Liebe seine Arme um den jungen Kollegen, und dieser schämte sich seiner hervorstürzenden Tränen nicht.

„Weine dich aus, mein armer Junge“, sagte Sörensen brüderlich, — und Klaus Hansohm faßte seine Hand fest und wußte, daß er nicht einsam sei. —

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Mein alter Foliant, — auch dies blieb mir nicht erspart, daß sich zarte Fäden vom Gymnasium nach dem Lyzeum spinnen.

Das wäre ja nun nicht so verwunderlich und würde mich recht kühl lassen. Oder vielmehr, ich finde diese allererste Liebe mit ihrem himmelhochjauchzend — zum Tode betrübt ganz köstlich und durch nichts zu ersetzen. — Aber ich bin doch dafür, daß sie über Fensterpromenaden und gelegentliche Schokoladen- und Blumenspenden nicht hinausgehen darf. —

Stelldicheins zu nachtschlafender Zeit sind mir besonders unsympathisch. Wenn man aber denn durchaus als Obersekundaner diese Jugendeselei begehen will, dann muß man schon sorgen, daß man nicht gerade den Garten des Gymnasialdirektors dazu aussucht, besonders, wenn dieser der Vater der Angebetenen ist. —

Also: „Telse Lüders und Arnold Dierks empfehlen sich als Verlobte.“ Diese überraschende Anzeige fand Fräulein Nissen auf ihrem Pult und verfehlte nicht, mir umgehend Mitteilung davon zu machen. — Hätte sie es lieber nicht getan, sondern den Strolch, der sich die Flegelei erlaubte, allein herausgefunden und ihm ordentlich den Kopf gewaschen. — Ich selbst überlasse solch zarte Familienangelegenheiten, wie die Verlobung einer Schülerin mit einem Obersekundaner sehr gern den pp. Eltern und Vormündern. — Aber Fräulein Nissen hatte nicht das geringste Verständnis für das Glück ihrer jungen Mitschwester und verlangte die Ausrottung jeglicher „Gefühle“ in der ersten Klasse.

Und da kam noch ein erschwerender Umstand hinzu. — Eine weitere Schülerin der 1. Klasse hatte sich als Schutzengel aufgespielt und „Wache gehalten“. Als nun Gymnasialdirektor Lüders zufällig noch einen Erholungsspaziergang in seinem Garten unternehmen wollte, stieß er auf ein jungfrisches fremdes Ding, das ihm auf seine Vorhaltungen entgegnete, daß es „Veilchen suche“. Direktor Lüders fand, daß es eine ungewöhnliche Beschäftigung für die zehnte Abendstunde sei und machte das Mädel ganz humorvoll darauf aufmerksam, daß noch nie ein „Veilchen auf seiner Wiese gestanden habe“. — Dann erst hat er Hanne Voß energisch bei der Hand genommen und ihr gezeigt, wo die Gartentür des Städtischen Gymnasiums zu Birkholz mündet. Weinend und sich fortwährend umschauend hat Hanne den ungastlichen Garten verlassen. Und dies Umschauen verriet Direktor Lüders den Ort des Stelldichein. In der Laube fand er seine Tochter Telse und Konrad Dierks. So weit hätte ich nun ganz unbeteiligt bleiben können. Habe mich auch nicht erkundigt, was des weiteren sich in der Laube begeben, denn die Sache meiner Schülerin Telse lag ja in den besten Händen.