Aber ein Gedicht, das sich in einem Schulatlas vorfand, nahm ich an mich und wurde deshalb von Konrad Dierks — gestellt. Das Bürschchen kam am Tage des Stelldichein in einer Stimmung bei mir an, die wohl in „weißglühender Wut“ ihren Ursprung hatte und erst allmählich in gänzliche Menschenverachtung umschlug. Konrad Dierks war einen Marterweg durch so viele Rüffel geschritten, daß es ihm wohl auf einige mehr oder weniger nicht ankam, und so stellte er sich vor mich hin und meinte schier nachlässig: „Wollte mir mein Gedicht holen, das Sie sich widerrechtlich angeeignet haben.“

Ich blieb ganz ruhig. „Augenblicklich bin ich noch für eine Viertelstunde stark beschäftigt,“ sagte ich, „Sie setzen sich wohl inzwischen und ich versehe Sie mit Lesestoff.“

Ich bot ihm einen Stuhl, entnahm meiner Bücherei ein rotes Buch und überreichte es ihm.

Als ich nach einer Viertelstunde wieder zu ihm trat, lag „der gute Ton in allen Lebenslagen“ zwar hingeschleudert auf dem großen Tisch, aber Konrad Dierks war doch viel zahmer geworden. — „Also Ihr Gedicht wollen Sie wieder haben“, meinte ich, und setzte mich gemütlich hin. „Behalten hätte ich es ohnehin nicht, es gehört nicht zum Pensum der ersten Klasse.“

Er sah mich mißtrauisch an, aber ich tat nicht dergleichen, sondern suchte nach dem verlegten Gedicht. Endlich hatte ich’s:

„Brünstig brandet mein brausendes Blut

Wider die Wogen wildwallenden Herzens.“

Es war aber noch erklecklich länger. — Glauben Sie, daß Telse Lüders reif genug für diesen Dithyrambos ist? fragte ich teilnahmvoll.

„Nein!“ entgegnete er düster. „Ach, überhaupt die Frauen! ich habe mit ihnen abgeschlossen.“

„Wie alt sind Sie, Herr Dierks?“