Das paßt mir nicht. Und sie hat mich sogar besuchen wollen, aber ich habe ihr ganz kurz gesagt, daß Herr Direktor das nicht wünschen.“
„Wenn sie keine einwandfreie Person ist, wünsche ich es allerdings nicht.“
„Ob sie das ist, weiß ich nicht. Ich mag sie nur nicht. Aber wundern sollte es mich, wenn Frau Bertels etwas Unanständiges bei sich litte. Die ist sehr heikel in solchen Dingen.“
Von nun an sagte Frau Dietz gar nichts mehr, sondern verzog sich in ihre Küche und die daranstoßende eigene Wohnstube, und Direktor Sörensen schritt die halbe Nacht in schweren Gedanken in seinem Zimmer auf und nieder.
Der nächste Tag war ein Sonntag.
Diakonus Heinrich sollte in der Stadtkirche predigen, aber sein Heuschnupfen setzte so unüberwindlich ein, daß man den alten Pastor, der gerade einen Ausflug mit seiner rundlichen Frau unternehmen wollte, vom Bahnhof zurückholte. Und weil dieser gar nicht vorbereitet war, wählte er schnell die Predigt „vom Wolf in Schafkleidern“, die aus früherer Zeit noch in seinem Gedächtnis haftete. Und predigte so herzhaft und eindringlich, daß seine Worte wie befruchtender Regen auf die Herzen der Birkholzer niederträufte und — das Pharisäertum geradezu üppige Blüten trieb. Jeder glaubte den lieben Nachbarn in den Gleichnissen zu erblicken, welche der Geistliche vor den Hörern aufrollte. Und niemand ging dem Wölfischen in der eigenen Brust zu Leibe und niemand wickelte sich aus dem eigenen Schafpelz heraus. Aber als Direktor Sörensen nach dem Amen aufstand und in tiefen Gedanken, ohne irgend jemanden im Gotteshause zu grüßen, die Kirche verließ, da war man sich einig, daß die ganze Rede nur auf den Herrn Sörensen gemünzt war. —
Erne Sörensen wanderte in die Heide hinaus.
Aber nicht allzuweit.
Ihre eigenartige, herbe Schönheit gab ihm heute nicht das, was sie ihm sonst gegeben: besinnliche Stille.