Er befand sich in seltsamer Aufregung — und Verlegenheit. Und die Verlegenheit kleidete seinen aufrechten, ehrlichen Körper schlecht, wie ein geborgter Rock. Er bereute sein Versprechen, das er der gebeugten Gattin seines Kollegen Kahl gegeben, und zog doch nach einem kurzen Marsch an der Glocke des kleinen gelben Hauses neben den „Stiftungsgärten“. Verschiedene Modekupfer, die an die Blumentöpfe des niedrigen Fensters gelehnt waren, zeigten dem Beschauer, daß hier Schneidermeister Bertels wohnte.

Niemand öffnete ihm, und da drückte er auf die Türklinke und trat in den engen Windfang und wieder vor zwei geschlossene Türen. An der einen prangte ein großes Blechschild: Bertels, Schneidermeister. An der andern Tür hing ein Papprahmen, darin ein Blatt steckte, auf welches mit ungeübten Buchstaben ein Name gemalt war.

Und ob Sörensen seine Brille noch so heftig rieb, er konnte doch nichts anderes lesen als: Lisette Balian.

Zuerst war er erstaunt, dann erblaßte er jäh, und hundert Gedanken kreuzten sich in seinem Hirn. Mit raschem Entschluß klopfte er an diese Tür. Sie öffnete sich, und die beiden Gatten standen sich wie finstere Todfeinde gegenüber.

„So hast du mich doch aufgespürt?“ fragte Lisette mit verbissenem Trotz.

„Da sei Gott vor, daß ich dir nachspüre“, stöhnte er dumpf auf. Und packte in jähem Zorn ihr Handgelenk. „Wo kommst du her?“

Sie entwand sich ihm. „Du tust mir weh“, greinte sie.

Er trat zurück. Seine Augen sprühten sie an. „Wie du mir wehtust seit Jahren und immer wieder aufs neue, das fragst du nicht. Herrgott! Herrgott!“ Völlig außer sich, hob er beide Arme empor und schüttelte die Fäuste.

„Ich weiß nicht, was du willst“, murrte sie. „Ich habe dich nicht gerufen.“

„Aber wie kommst du hierher, Lisette? Ich wähnte dich in einer Heilanstalt....“