Direktor Sörensen war wie in einer neuen Welt. Er wurde ganz mitgerissen von den zutunlichen, kleinen Lebewesen und saß andächtig mit ihnen da, und hörte den Kollegen Hansohm so fesselnd und wunderschön erzählen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, vom Gehorsam gegen Gott und gegen die göttlichen Gebote.
Ilse Wessels war sonst immer etwas flusig und zerstreut und horchte nie recht hin, was vorgetragen wurde. Heute aber seufzte sie ganz tief auf, so schön hatte sie alles begriffen und auf ihren eigenen gelegentlichen Ungehorsam angewendet. Und als Herr Lehrer Hansohm in ihr gescheites Gesichtchen blickte und meinte: „Erzähl doch noch einmal den Schluß, Ilse,“ da berichtete sie strahlend: „Wir sollen immer gehorsam sein, — aber ‚Frau Lotte‘ war es nicht, die drehte sich rum nach der Stadt Sodom und wurde — zur ‚Salzgurke‘.“
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Am Tage nach dieser genußreichen Religionsstunde hatten Kahl und Genossen wieder eine erregte Unterredung. Freilich, wenn der Direktor selbst „begeistert“ war von Klaus Hansohms Art zu lehren, dann war wohl keine Besserung von diesem zu erhoffen, und „Gott der Herr würde immer gezwungen werden, auf die Schulbänke mitten in das Unheilige hinabzusteigen, anstatt in unerreichbarer Höhe zu thronen“, wie Professor Traute sich salbungsvoll und schön ausdrückte. —
Man hatte die ganze Angelegenheit sowohl in der „grünen Birke“ als auch in Privatkreisen genügend bearbeitet, der Hauptbeteiligte erfuhr sie natürlich zuletzt. Und hatte dazu gelacht. „Beleidigend“ gelacht, betonte Oberlehrer Kahl. „Herrschaften“, hatte Klaus Hansohm gesagt, „ich kann doch meiner neunten Klasse den lieben Herrgott nicht anders bringen, als ich Ihn in mir selbst trage. Und er ist für mich eben der große, einzige Jugendfreund, der gesagt hat: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht.“ So nehme ich denn meine Kinder fest an die Hand und bringe sie auf den Weg. Denn suchen tun sie ihn alle, — wohlgemerkt den Kinderfreund, der ihnen entgegenkommt, nicht den, den Ihr als ‚unerreichbar‘ droben in der Unendlichkeit wissen wollt...“
„Na“, meinte Professor Traute im Hinausgehen zu Kahl: „da hat es immer vom verstorbenen Direktor Claßen geheißen: „Der Mann wird kindisch“, aber kindischer als der junge Hansohm ist der Greis Claßen nie gewesen....“
„Das Kindischste und Dümmste an der Geschichte ist nur,“ bemerkte Kahl bissig, „daß wir alten Akademiker uns dies bombastische Gewäsch einer Seminaristin ernsthaft anhören müssen.....“
„Wer verlangt’s denn?“ fragte Fräulein Doktor trocken. „Weder der Direktor, noch Kollege Hansohm. Die beiden lassen doch wahrhaftig jeden nach seiner Fasson selig werden, sehr im Gegensatz zu weiland Direktor Claßen.“
Oberlehrer Kahl verbeugte sich spöttisch. „Nun, ich würde auch der letzte sein, der Herrn Sörensen um die ‚Fasson‘ ersuchen würde.... Sie natürlich sind seiner Seligkeit wohl bombensicher?“ Und Kahl meckerte hämisch. —
Aber all diese Streitigkeiten im Kollegium, am Biertisch und beim Weinschoppen im Ratskeller, sowie im Vorraum der Apotheke, darin der Provisor sein Urteil abgab, hinderten doch nicht, daß es in Birkholz viele beglückte Elternherzen gab. Und manch eine Mutter, deren Kind immer so freudestrahlend aus der Religionsstunde nach Hause kam und klug, und doch kindlich-treuherzig die alten, schönen, biblischen Geschichten wiedererzählte, so daß sie nun erst recht lebendig wurden, — grübelte darüber nach, wie man wohl dem jungen Lehrer eine Herzensfreude bereiten könne.