„Ja, Herr Direktor. Ich spür’ das ganz genau, daß man meiner Agnes zu Hause Leid antut. Da ist irgend jemand in der Schule außer ihrem Vater, der paßt auf, wenn er uns zusammen sieht, und hinterbringt es den Eltern. Dann bekommt sie Schläge. Lieber, lieber Gott, richtige Schläge. Von der Stiefmutter.“ Sörine schluchzte wild und weh auf. „Ich kann den Gedanken nun gar nicht mehr ertragen....“
„Und in den Michaelisferien soll sie aufs Land zu einer Tante, die ist eine Schwester von Frau Asmus und noch schrecklicher als sie. Agnes hatte ganz starre Augen, als sie mir’s in der Stunde zuraunte.... Helfen Sie uns doch, lieber, lieber, lieber Herr Direktor!“
Wie Sörine bitten kann! Spürt gar nicht, daß mein Herz selbst zornig und bang schlägt in seiner Ohnmacht. Ich löste ihre umklammernden Hände von meinem Arm und nahm sie dann fest in die meinen. Fand zuversichtliche Worte, trotzdem ich einsah, daß ich in einem „Wald von Schwierigkeiten Bäume fällen mußte.“
„Oh, so ist es recht“, nickte sie endlich befriedigt. „Ich verlasse mich nun auch fest darauf. — Die Agnes freilich, die hat schon jede Hoffnung aufgegeben, so ein Armes, so ein Liebes....“
An der Waldecke schaute ich mich noch einmal um. Da stand die weiße Gestalt und sah mir nach.
Und wandte sich blitzschnell und floh davon.
Um Mitternacht.
Neben mir steht die große Handtasche gepackt, morgen in aller Herrgottsfrühe will ich nach Einingen fahren.
Dort liegt der Brief meiner alten Mutter, — ich will ihn meinem Tagebuch einfügen. Um zehn Uhr kam ein Bote vom Postdirektor. Der freundliche Mann schrieb mir: „Finde eben bei besonderer Kontrolle in der Briefträger-Abfertigung einen Brief an Sie, — vielleicht ist er wichtiger Art.“ —