Ob er wichtig ist?

Die liebe Mutter schreibt: Mein Sohn Erne! Ist eine lange Zeit vergangen, daß ich dir letztmalig schrieb. Aber heute kann ich dir danken für all dein vieles Guttun an mir. War bislang keine Zeit dazu. Denn vor drei Wochen schlug der Hund an in der Nacht, und ich stand auf und leuchtete vor die Tür, da lag eine Frau, die war schwer krank. Und lachte doch und meinte, so späten Besuch hätte ich gewiß lange nicht gehabt. Und war’s die Lisette. Und wie ich jeden Christen, Heiden und Juden aufgenommen hätt’, der bittend auf der Schwelle liegt, so doch erst recht dies kranke Geschöpf, das deinen und deines Vaters ehrlichen Namen trägt. — Drei Wochen hab ich sie gepflegt, mein Erne. Es war die Schwindsucht. Hab dabei in ein grundleichtsinnig und sündig Herz geschaut, mein Erne, — ist aber auch viel an ihr selbst gesündigt worden. Und du weißt ja, ich möcht jedem immer fleißig raten zu Mathäus 7, Vers I. — Und ist mir eigentlich recht leicht zu Sinn. Weil Gott in seiner Gnade diesem verirrten Menschenkind die rechte Tür wies, daß es in den Armen einer Mutter sterben durfte. Und außerdem noch, weil eure beiden Kinderchen tot sind, und braucht so die Lisette keine Waislein zurückzulassen. Und item brauchen die Waislein nicht gesagt zu bekommen, daß sie eine schlechte Mutter hatten. Ist alles gütig und weise vom Herrgott angeordnet worden. Nur immer hübsch nachdenken, und die Hände falten mit Dank. — Und haben wir uns noch auf eine Weise ganz liebgewonnen, die Lisette und ich. „Du hast mich’s Lachen wieder gelehrt, Mutter“, sagte sie oft. „Guter Gott“, meinte ich, „was gibt’s wohl bei mir zu lachen?“ „Weil du so brav bist, Mutter, du und der Erne, — so kreuzbrav. — Wir paßten ja nimmer zueinander. Und brav sein heißt langweilig sein. Oh, was hab ich gegähnt, wenn ich partuh brav sein sollte. Aber so, wie ihr beide das seid, so ist’s recht zum Lachen....“

Ja, Erne, so närrisch hat sie immer gesprochen und, verhoffe ich nur, der Heiland wird ihr droben sagen, daß das Bravsein nicht bloß fürs Lachen gut ist.

Aber wie es zum Sterben ging, hab ich lieber selber mit ihr gelacht, um der armen Seele den letzten Gefallen zu tun. Und wird mir der da droben auch dies verzeihen, weil er ins Herz sieht.

Hab der Lisette Sörensen geb. Balian die Augen zugedrückt und sie gewaschen und das Totenhemd angezogen, und Pastor Verden weiß auch, daß es meine Sohnsfrau ist, und kein verlaufen Straßenweib. Bin gesund und verhoff das gleiche von dir. Will dich nur fragen, ob du nach Christengebot feurige Kohlen willst sammeln, und der die letzte Ehre antun, die deinem eigenen Leben so wenig Ehre angetan.

Würde dich mit großer Freude erwarten als deine treue Mutter. Gesine Sörensen.

Mutter, ich empfange aus deiner Hand ein neues Leben....

Deiner würdig will ich’s leben. —

Mutter! Als ich heute Morgen das Blatt vom Kalender ablöse, fand ich den Spruch darauf: „Ein gutes Mutterherz ist ein Kleinodienschrein Gottes.“

Wahrlich, alle Schätze liegen vor mir ausgebreitet, du liebe Mutter, du gute Mutter...