Aber sein strenges Gesicht verriet mit keinem Zug die Qual seines Herzens.
„Wie hart und unversöhnlich Sie sind“, stieß Sörine hervor. „Und ich weiß, Sie finden es entsetzlich, daß ich hier bin. Aber ich war so einsam. — Ich habe ja nie eine Mutter gehabt. Deshalb holte ich mir die Mutter aus Einingen. Die sollte mir den rechten Weg zeigen.... Beinahe gestorben bin ich vor Heimweh nach Ihnen. Und Sie müssen mir verzeihen, — müssen — müssen — ich gehe nicht fort....“
Er fuhr sie ungestüm an: „Sörine, Sie dürfen so etwas nicht sagen... Herrgott, wie quälen Sie mich....“
Da sprang sie auf. „Ich will die Mutter holen“, sagte sie tonlos. „Die Mutter ist dran Schuld, — die liebe Mutter....“ Ihre Worte überstürzten sich: „Ich hatte es der Mutter gesagt, — — daß — ich so einsam geworden bin, — und daß ich Sie am liebsten habe von allen Menschen auf Gottes weiter Welt, und daß ich so gern bei Ihnen bleiben möchte..... Und da hat mir die Mutter so viel Liebes erzählt“.....
Sie schlug die Hände vor das Gesicht in bitterer Scham: „Und nun ist alles nicht wahr....“
Da riß er sie an sich. „Sörine!“ stammelte er, — „Kind, Kind, geliebtes süßes Kind. Weißt du denn, was du sprichst? Ich darf dich ja nicht nehmen. Du bist so jung — — sieh doch mein graues Haar. Und sieh doch wie häßlich ich bin, — voll Narben — halbblind.....“
Aber er hielt sie fest. Und sie schmiegte sich an ihn, und ihr feines Köpfchen lag an seiner breiten Schulter. „Meine Heimat“, sagte Sörine, „meine liebe Heimat!“
Er zwang die Sehnsucht, sie zu küssen. „Und Herr von Heidekamp?“ fragte er, „was wird Großvaterli sagen? O Kind, wie viel Unausgesprochenes liegt zwischen uns! Durch welche Tiefen bin ich gegangen! Wird mein kleines Mädchen mich da verstehen? Und du??? Ich wähnte dich als Eigentum von deinem Vetter.... Müssen wir unser Glück auf dem Leid eines anderen aufbauen?“
Sörine sah ihn ernst an.
„Dies Leid liegt schon drei Jahre zurück, — wenn es wirklich eins war. Ich habe Kurt wie einen guten Bruder lieb gehabt.... Und Großvaterli hat mir längst verziehen, daß ich seinen Wunsch nicht erfüllen konnte. Er ist ja so himmlisch gut. Er weiß auch.... daß ich hier bin. Ich tue nichts mehr hinter seinem Rücken. Er will einzig nur mein Glück. So wenig glückliche Heidekamperinnen hat es gegeben“.....