Jetzt lächelt er. Denn er sieht, wie sich die zweite Klasse, der Telse Lüders angehört, zusammenrottet und augenscheinlich die Gemaßregelte flammend gegen die Vorwürfe der Lehrerin verteidigt...

Sörensen weiß guten Korpsgeist zu schätzen.

Fräulein Nissen geht diese Schätzung völlig ab. Sie regt sich ungeheuer auf, und der Zuschauer runzelt die Stirn ob ihrer Würdelosigkeit. Sprecherin der zweiten Klasse ist ein braungebranntes, schlankes, rassiges Mädel mit kurzgeschnittenem, aschblondem Lockenkopf, der von Zeit zu Zeit eine in die Stirn fallende „Tolle“ energisch zurückwirft. Stahlblaue Augen blitzen die Lehrerin an.

Und doch ist die Haltung der Schülerin nicht unehrerbietig. Direktor Sörensen stellt dies sofort bei sich fest, denn Sörine von Heidekamp ist ihm bereits von mehreren Lehrern als „schwarzes Schaf“ der zweiten Klasse vorgemerkt worden. Sörensen aber verläßt sich gern auf seine eigenen Augen und diese sahen jetzt auch, daß Sörine ein kleines, schreiendes, blutendes Mädel aus der neunten Klasse aufhebt, das im raschen Lauf auf dem scharfen Kies hingefallen ist und sich das Näschen arg zerschunden hat. —

Der Direktor stellt ferner fest, daß Sörinens Taschentuch zwar nicht einwandfrei ist, doch sie läuft blitzgeschwind damit zum Brunnen und bald darauf liegt es kühlend auf dem blutenden Näschen der Kleinen.

Fräulein Nissen aber schilt ergiebig mit der Patientin, und das veranlaßt Sörine von Heidekamp, die Lehrerin erstaunt und ungläubig anzusehen.

„Sörine, ich werde dich einschreiben,“ ruft Fräulein Nissen nervös. Die klaren Kinderaugen sind ihr unbequem. Dabei bebt jede Fiber in ihr und sie fühlt sich ganz „fertig“ und „wie aus dem Wasser gezogen“. Dem Weinen nahe, hastet sie die Treppe in die Höhe, die zum Lehrerzimmer führt. Dabei stolpert sie und tritt sich die Rockborte ab, die als ringelnde Schlange hinter ihr drein fegt. Im Lehrerzimmer läuft Oberlehrer Kahl mit Riesenschritten auf und ab. Die beiden Nervösen verstehen sich gut und laden gewohnheitsmäßig ihren Schulärger aufeinander ab. Er bleibt denn auch stehen, als Fräulein Nissen hereintobt und das Klassenbuch aus dem Katheder reißt. Wie ein verkörpertes Fragezeichen steht er vor ihr. —

„Ach, Kollege,“ stöhnt sie, — „diese Sörine Heidekamp ist noch mein Tod.“

Kahl lacht höhnisch auf. Aber gleich darauf vermag er verbindlich zu lächeln. „Das wäre doch schade um Sie. — Nein, Kollega, dies Getue allerneuesten Datums um Sörine von Heidekamp, — vergessen Sie ja nicht dieses schmückende Beiwort, — also dies Getue läßt mich kalt. Das tiefe Bedauern, daß die Prügelstrafe in Mädchenschulen abgeschafft ist, ist das einzige, zu dem ich mich aufraffen kann.“