Fräulein Nissen streckt ihm verständnisvoll die Hand hin. „Ich helfe mir mit Einschreiben,“ sagt sie mit hoher Befriedigung. „Die Seiten im Klassenbuch der Zweiten sind schwarz von Eintragungen. Aber meinen Sie wirklich, daß man Kotau vor dem Adel da draußen macht???“

„Na, wenn Sie das noch nicht gemerkt haben...“ Er zuckt ungeduldig die Achseln. „Früher nannte man die Steine, die der alte Freiherr den Lehrern in den Weg warf: ‚Unverschämtheiten‘. Jetzt auf einmal ist er zum ‚Original‘ avanciert und wird demgemäß hofiert. Mit seiner unbotmäßigen Range geht man um wie mit einem rohen Ei. ’ne ordentliche Jacke voll, dann wär’s besser. Aber unser verstorbener Direktor Klaßen hat die Disziplin mit ins Grab genommen.“

Draußen läutet schrill die Schulglocke, und Fräulein Nissen hastet wieder auf den Schulhof, um das Ordnen der Klassen zu überwachen. —

Als sie eben die Vierzehnjährigen in das Klassenzimmer gescheucht hat und die Plätze eingenommen sind, verkündet sie die neuen Tadel im Klassenbuch. Ganz gleichgültige Gesichter schauen sie an.

„Das rührt euch wohl gar nicht?“ fragt sie erbost. „Nun, es soll euch schon noch rühren. Ich habe mir allerhand Wirksames ausgedacht.“ Sie rast zur Wandtafel. Dabei pendelt die abgerissene Rockborte hin und her und die Kinder krümmen sich vor Lachen.

Aber jetzt wird es ernst. Ein Blatt flattert bei dem Tumult aus irgendeinem Buch heraus und gerade Fräulein Nissen vor die Füße. Es ist eine schwungvolle Ballade, die Telse Lüders vor einigen Tagen verbrochen hat. Sie bildet den Stolz der Dichterin und das Entzücken der ganzen Klasse. Aber für das Entzücken der Lehrerin war sie nicht berechnet. Fräulein Nissens zornige Augen haften durchbohrend auf der ersten Strophe:

„In schwarzer Nacht, auf roter Heid

Steht Fräulein Nissen im grünen Kleid.

So gelb der Mond, so grau das Land,

Sie hält das Klassenbuch in der Hand.“