„Empörend!!! Telse Lüders, ich schreibe dich jetzt noch einmal ein, hinterher die ganze Klasse und dann — melde ich euch dem Herrn Direktor.“
Fräulein Nissen kostet die Genugtuung, daß der letzte Hieb sitzt. Man hatte ja tausend gute Vorsätze gefaßt, um den verehrten, neuen Direktor nach und nach von der Grundlosigkeit sämtlicher Anklagen gegen die zweite Klasse zu überzeugen und nun mußte man so hereinfallen!
Agnes Asmus fängt an zu weinen. Sie ist die Tochter des Rechenlehrers aus der neunten Klasse und ihr Vater ein strenger Mann. Man munkelt, daß er den Bakel daheim über Frau und Tochter schwingt... Sörine von Heidekamp streichelt die Hand der Weinenden.
„Ich gehe nachher mit dir und sage deinen Eltern, daß du ganz unschuldig bist,“ raunt sie ihr zu. Aber im selben Augenblick wird sie auch wieder von Fräulein Nissen eingeschrieben. Sörine seufzt laut und schmerzlich.
„Woher kommen diese Töne?“ fragt die Lehrerin unpädagogisch.
Sörine meldet sich: „Ich habe nur geseufzt. Weil wir heute doch noch nichts von Friedrich dem Großen angefangen haben. Wir hatten doch alle so fein präpariert und nun sind wir gar nicht weitergekommen.“
Fräulein Nissen erstarrt vor der Frechheit, daß ihr eine Schülerin Vorwürfe über Nichteinhaltung des Pensums zu machen wagt. Sie nimmt sich gar nicht die Mühe, über die ganz ehrliche Trauer der jungen Heidekamp nachzudenken.
Sie ringt die Hände, ringt nach Worten und stolpert zweimal über die abgetretene Rockborte, so daß einige Schülerinnen es vorziehen, unter die Bank zu kriechen, woher dann mehrere bange Laute kommen, wie wenn jemand am Ersticken ist.
Endlich formen Fräulein Nissens Lippen einen Satz: „Wir wollen einen kurzen Überblick über die geistige Entwicklung unseres Volkes zur Zeit Friedrichs des Großen...“
Da läutet die Schulglocke.