Diese hatte inzwischen ruhig einen Faden eingefädelt, hob die Nadel wie einen Feldherrnstab und rief der Rastlosen ein donnerndes: „Das Ganze haaalt!“ zu.

Und wirklich zwang ihre humorvolle Behaglichkeit der Lehrerin ein schattenhaftes Lächeln ab.

„Sehen Sie mal, Nissen“; sie hob mit dem abgerissenen Bortenende den Reformrock der Kollegin etwas in die Höhe und zeigte auf die dünnen mageren Stelzchen, — „das ist Selbstmord.“ Zugleich stellte sie vergleichend ihre eigenen festen Pedale daneben. „‚Immer mit die Ruhe‘, sagt der Berliner. Was haben Sie davon, wenn der Ärger Ihr Gebein abnagt und Sie eines schönen Tages auf der Straße umfallen. Droschken gibt es nur zwei in Birkholz, und die werden nicht für Sie eingespannt.“

„Was soll ich tun?“ stöhnt Hermione Nissen.

„Menschenskind, ich wüßte wohl allerhand, was Sie tun könnten, aber Sie vertragen ja so schwer ein offenes Wort...“

„Erlauben Sie mal.“

„Vor allen Dingen würde ich mir jeden Tag, wenn ich vor die zweite Klasse trete, ernstlich sagen: Du bist auch mal Kind gewesen, du bist auch mal Kind gewesen! Dieser Gedanke müßte das A und O des Lehrers sein. Zweitens,“ — Fräulein Stavenhagen schaute spitzbübisch-ängstlich, „zweitens würde ich die Reformkleider abtun und drittens würde ich mich umtaufen. Jawohl, in Auguste umtaufen. Auguste ist besser für die zweite Klasse als Hermione ....“

„Fräulein Oberlehrerin Stavenhagen — — —“

„Na ja, ich wußte es ja, daß Sie beleidigt sein würden. Aber nun ist Ihr Röcklein fertig und wir wollen’s fein säuberlich über die Beinchen breiten, denn ich höre die Männerwelt kommen und die soll durch Ihre Reize nicht verwirrt werden.“

Sie biß den Faden mit ihren starken Zähnen ab, klopfte lachend und begütigend der Gekränkten auf die Schulter und trank ihren Kakao vollends aus.