Von 1700 an weiß ich’s genau. Von vorher ist auch noch manches da. Soll aber viel Schnackerei dazwischen sein. Und wo Kirchenbücher verbrunnen sind, haben die Pfarrers und Küsters dazugesetzt. Sind Menschen und kann nicht alls stimmen. Ich halte mich an die Wahrheit. Ist ein feiner, vornehmer Herr gewesen der Ahn Jens Sörensen. Oberamtmann in Arnis und seine Gemahlin eine Hochwohlgeborene aus Thüringen. Soll eine gute Mischung sein Thüringer und Holsteiner. Werden aber selbst im Himmel noch lachen der feine Herr und die Hochwohlgeborene, wenn sie ihre Sippe betrachten, die so bei klein achter ihnen ankümmt. — Der Herr Urvater sind schon 40 Jahr alt gewesen, als der Adebar den Lütten gebracht hat und die Hochwohlgeborene hat die schwere Geburt nicht abkönnen und ist auf den Gottesacker gekommen. Danach hat sich der Herr Oberamtmann dem Kaffeepunsch und die Melancholei ergeben, ist aber sehr alt geworden, 95 Jahr. Denn die Sörensen können viel ab. Der Lütt-Jens hat Pastor werden wollen, ist ein rechten Spintisier gewesen. Oll-Jens aber, der Herr Oberamtmann, hat sich nach dem Tode der feinen Frau mit dem Herrgott verzürnt, und Lütt-Jens mußt auf dem Gute bleiben, wo niemalen ein Pastor sich durfte sehen lassen. — Wo kein Herrgott aufpaßte, ist das Gut verkommen und nirgends ein Segen. Hat Lütt-Jens um schieres Gold ein Weib genommen, brav und reich ist sie gewesen, was nicht immer beisammen kommt. Um 1770 wieder ein Jens geboren und alles noch leidlich. Dann aber das Geld verspekuliert und sein armes Weib im gachen Jähzorn Tag für Tag gemißhandelt. Bis der Tag gekommen, da die Frau in ihrem Schoße das Kind von einem andern Manne trug, den sie in ihrer grimmen Not und Verlassenheit allzu sehr geliebet. Mathäus 7, Vers I: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Hat der Mann sie und das unschuldig, ungeboren Kind verstoßen, sind beide bald gestorben. Sein eigen Fleisch und Blut ist auf dem Gut geblieben, bis dies vergantet wurde. Drauf ist Jens gestorben und der Sohn Jens ins Waisenhaus und dann Schuhmacher geworden. Tüchtig und brav. Hat ein Weib aus Husum genommen, Luise Sörrine geborene Rasmussen. Die konnt mehr als Brot essen und hatte Gedankens wie ein Doktor. Las zweimal die ganze Heilige Schrift durch und sah in der Schusterkugel absunderliche Sachen, die andere Menschen nicht sehen. — Wurde ihnen 1800 ein Sohn geboren, hat die Wehmutter selbst gesagt, es sei ein Goliath. Aber nur von Statur. Inwendig drin ist er ein David gewesen, hat nur statt der Harfe eine Gitarre gehabt und die auch erst später. Und weil die Wöchnerin mehr konnte als Brot essen, litt sie nicht, daß das Kind wieder Jens genannt wurde, sondern machte einen Erne draus, damit mal eine neue Reihe anfing. Dieser Erne ist mein Mann geworden. Gott sei ewig Lob und Dank! — Habe ihn oft den Rattenfänger von Hameln genannt, weil er einem das Herz aus der Brust singen und fläuten und gitarrespielen kunnt. — Und ist er neben dem Arniser Sprüchwort her: „Groß und breit und jähzornig und langlebig wie ein Sörensen“, auch noch ein Schulmeister von Gottes Gnaden und nach Gottes Herzen gewesen. Wie die Heilige Bibel dartut: Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich. Hatten mich meine Eltern als halbes Kind zweimal verheuert vordem. Und war der selige Lorns ein Schneider und der selige Sebus ein Schreiber. Beide klein und arg dünn, so daß ich allzeit in Sorge war, der starke Ostenwind kunnt sie davontragen.
Dann tat’s die Influenz, die man damals Grippe hieß. Und ich war frei, und kunnt in allen Ehren den Goliath-Schulmeister kennen lernen. In der weiten Heide bauten wir’s Nest in aller Einsamkeit. Und der starke Gott segnete uns und ich konnte meinem Manne fünfzehn Kinder schenken. Jedes einzelne voller Herzensfreude und mit Jauchzen. Hatt’ ich auch oft nur Schwarzbrot und Wacholderbeersaft und für’s Wiegenkind die Mutterbrust, — eine Träne hat keins von mir gesehen. Gelacht hab’ ich, jahraus, jahrein, damit nur ja nicht die Kinder merken sollten, daß der Gottessegen einer Mutter könnt zu viel werden. Später freilich, da sind die Tränen wie reißende Bäche dahergekommen. Das war, wie die Kinder groß waren... Das ist Mutterlos und Kinderart. Gott segne sie dennoch. Für jedes Leid ein Segen! So viel Schmerz, wie einem die Kinder zufügen, könnt ja auch kein irdischer Mensch sonst verzeihen. Da hat unser Herrgott extra das Mutterherz erschaffen. — Ein braver guter Jung war uns der Jens, der Älteste. Hieß freilich wieder Jens, und ich mein, der Name bracht ihn wieder zum Spintisieren. Wir hätten gern einen Lehrer, oder gar etwas Höheres aus ihm gemacht, wenngleich ich nicht meine, daß es etwas Höheres gibt, als Schulmeister sein. Aber das Kind saß von klein auf beim Heideschuster und half mit flicken, und schaut in die Kugel und sinnierte. Schlug also der Großvater bei ihm durch.
Sein Pate wußte ein gutes Geschäft in der Stadt, wo der Junge hätte einheiraten können, aber ein Sörensen und Geld, das paßt nun mal nicht zusammen.
Nahm sich der Jens denn auch ein ganz armes Mädchen, aber gut und brav war sie. Konnte auch alle Worte gut setzen, und hatte bei ihrer Herrschaft durch zehn Jahre hindurch beinahe fünf dicke Bücher ausgelesen. Es waren schöne Sachen, die sie uns immer noch recht ausmalte. Und ich mein, sie hätte mir auch den Schluß von dem fünften Buch mal erzählt, als ich so krank war. Trotzdem sie es doch gar nicht zu Ende gelesen hatte. Aber als ich sie fragte, ob sie sich denn wahrhaftig so was Schönes selbst ausdenken könnte, da lachte sie, und stickte sich rot an und lief fort. —
Ja, die Dorette. Die ist was Besonderes, wenn sie auch nur für fremde Leute wäscht und ihr Mann Flickschuster ist und bleibt. Nun strampelt bei ihnen auch schon so’n lütten Sleef in der alten Holzwiege, und letzten Sonntag hat er mit dem heiligen Taufwasser den Namen Erne bekommen, so daß ich wieder Gott Lob und Dank sagen kann. Er ist auch wieder ein Goliath.
Wenn er mit den kleinen Beinen angelt und strampelt, dann ruft Vater Jens: Höger rup, höger rup! Und ich weiß wohl, was das heißen soll. Aber wenn der Junge höger rup soll, dann muß auch Vater Jens sorgen, daß die Holzwiege auf den öbersten Boden kommt. Hätt’ ich nicht partuh fünfzehn Kinder haben wollen, wär mein Jens vielleicht General oder gar Stadtsekretär. — Aber zu tausend Malen habe ich schon meine Hände über dem Kind gefaltet, denn der Erne ist ein klein süßen, gescheiten Jung und soll mal......
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Ja, hier endet Großmutter Gesines Tagebuch und der Enkel sitzt und grübelt, ob er wohl den heimlichen Wunsch der treuen Alten hat erfüllen können.
Weder General noch Stadtsekretär bin ich geworden. Meine Behörde berief mich als Direktor an das Lyzeum in Birkholz.