Es sind die Sonntage der alten, guten Zeit, Sonntage der Kleinstadt, ja fast eines einsamen Dorfes.

Von Jugend her bin ich’s gewohnt, die Sonntage hochzuhalten. Ein Schulmeister ohne Sonntag ist wie ein Haus ohne Dach.

Um neun Uhr beginnt die Kirche.

Pastor Ohlsen ist keine große Leuchte. Vielleicht hätte mir ein Heidespaziergang an diesem leuchtenden Frühlingsmorgen mehr gegeben. Aber den Birkholzern wäre er ein Ärgernis gewesen. Sie waren alle in der Thomaskirche versammelt und schauten auf meinen „Stuhl“. Denn in Birkholz ist die Kirche so eingerichtet, wie die Frommen sich den Himmel denken, alles hübsch nach Rang und Stand geordnet.

Wie ich die Birkholzer kenne, haben sie das feste Vertrauen, daß der liebe Gott niemals droben einen „Adler der Inhaber“ über einen „Roten Adler“ setzen wird.

Vor mir lag das Gesangbuch meines Vorgängers und sogar seine Lupe daneben. Ich benützte beides nicht, denn das Gesangbuch meiner alten Mutter begleitet mich immer als Talisman. Pastor Ohlsen ist ein rechtes Kindergemüt, ihm scheint nicht viel verquer gegangen zu sein in seinem langen Leben. Er erzählte mir, als ich nach der Kirche ihm als ersten meinen Besuch machte, daß er Birkholzer Kind sei, das Birkholzer Gymnasium „absolvieret“, in Erlangen „studieret“, sowohl auf der Universität, als auch bei „Vater Mörsch“, wie er behaglich lächelnd hinzusetzte. Dann seine erste und einzige Liebe, ein Birkholzer Kind, geheiratet, und nun Gott Lob und Dank wieder seit vierzig Jahren in Birkholz wirke. „Ja, ja, mein lieber junger Freund, ein reichgesegnetes Dasein! Ich bin allezeit mit Gottes Hilfe wie auf Hefe gegangen, mein Vater war ja auch der Bäckermeister Ohlsen auf der Ringstraße.“ Die rundliche, kleine Frau Pastorin belachte glucksend den Witz, der gewiß seit vierzig Jahren ständig wiederkehrt, und ich lachte mit, und verließ Philemon und Baucis mit dem dringend erbetenen Versprechen, oft bei ihnen einzukehren. Dies Versprechen halte ich gern. Sie sollen ihren Herzensfrieden mit mir, dem Friedlosen, teilen...

Die anderen Besuche mußte ich kürzer bemessen.

Mir fielen die außerordentlich vielen Töchter auf, denen ich vorgestellt wurde, und ich mußte an den Spötter Hansohm denken, der mich vorbereitete, daß für diesen Sonntag alle auswärts beschäftigten Töchter mittels Telegramm herangerufen wären.

Postdirektor Hagedorns scheinen mir am weitesten über das Birkholzer Niveau herauszuragen, — ganz prächtige Menschen. Drei niedliche Mädchen und drei stramme Buben tummelten sich im Garten. Die Mädelchen wurden glühend rot, als sie mich sahen, vergaßen vor Verlegenheit das Knixen und steckten Zopfbänder in den Mund. Aber die Buben, dank ihrer Unbefangenheit einem „Mädelsdirektor“ gegenüber, übernahmen lärmend die Führung zur Dienstwohnung ihres Vaters. Ich habe in eine glückselige Ehe Einblick getan, das ist ein rechtes, gegenseitiges Heben und Tragen bei diesen zwei Menschenkindern.

Ich möchte wohl wissen, warum dieser geistig bedeutende Mann an der postalischen Majorsecke gescheitert ist, zumal die junge Frau die Tochter eines Regierungsrates aus Schleswig ist.