Landrat von Thadden konnte mit einer englischen Frau und zwei langnasigen, langzahnigen und bleichsüchtigen Töchtern von dreizehn Jahren aufwarten. — Der Mann ist sehr sympathisch, aber die Frau fällt mir wie alles Englische auf die Nerven. Sie setzte mir mit der ganzen Rücksichtslosigkeit der Engländerin auseinander, wie viel besser eine Erziehung im Hause als in der Schule sei. Als unser Gespräch beendet war, wußten wir beide, daß wir uns nicht ausstehen konnten.
Dafür bedachte mich die magere Miß, welche die Erziehung von „Mary“ und „Ellen“ leitet, mit einem langen Blick, der gar nicht mager war und den man ihren wasserblauen Augen nicht zugetraut hätte. —
Erst sehr spät, es war schon zwei Uhr, hielt mein Wagen vor dem Herrenhaus Heidekamp-Birkholz.
Am Eingang des Parkes steht dort ein Riesenbaum. Die Thingeiche. Ein ungefüger Steintisch darunter und abgeplattete Riesensteine rings herum.
Der Historiker in mir wurde hellwach. Ich hieß den Kutscher langsam fahren, um das Bild recht zu genießen. Auf dem Steintisch lag eine Schulmappe und verstreute Bücher, aber Sörine Heidekamp, die doch augenscheinlich dazu gehörte, konnte ich nirgends entdecken. Bis ein Löschblatt vom Himmel fiel und ich aufblickend ein paar derbe Stiefel gewahrte, die mit den dazugehörenden Füßen hoch in den Ästen der Eiche standen.
„Ist der Herr Großvater zu Haus?“ rief ich hinauf und: „Jawohl, Herr Direktor!“ schallte es herunter.
Ein alter, in schlichte, braune Livree gekleideter Diener öffnete mir die Wagentür und lud mich zum Nähertreten ein.
Die große Diele war für mich hochinteressant durch den Schmuck der Riesengeweihe und der alten Gemälde und Kupferstiche. Ich wanderte und schaute und vergaß schier den Zweck meines Hierseins. Die Zeit verstrich, — dann kam der Diener zurück und meldete mit ebenem Gesicht, „daß Herr Baron von Heidekamp nicht zu sprechen seien“.
Als ich rasch meinen Hut vom Tisch nehmen wollte, huschte plötzlich etwas Graues in die Diele. Fast möchte ich jetzt sagen, wie ein großes Spinngewebe sah die alte Dame aus. —
Flehend hob sie ihre feinen, runzligen Hände.