„Was sagt deine Klasse dazu?“ fragte er weiter.

Ein erstaunter Aufblick. „Die Klasse? Die weiß doch nichts!“

„Die weiß nichts? Hast du gar nicht darüber gesprochen?“

„Nein. Sie würden es nicht verstehen. Und würden dann Agnes immer daraufhin ansehen. So ein Armes! Das leid ich nicht. Das tut ihr ja dann immer von neuem weh...“

Ganz sacht strich Erne Sörensens große Hand über die Locken...

Da warf Sörine Heidekamp beide Arme über den Tisch, legte den Kopf darauf und weinte laut und ungestüm.

Der Direktor ließ sie gewähren. Es ist Gewitter im Mai, dachte er. Endlich hob das verstörte Mädel den Kopf und Sörensen sah, das Vertrauen zu ihm saß fest und Sörine war willens, ihm ihr kleines Herz restlos auszuschütten. „Mit niemand zu Hause kann ich darüber sprechen,“ stieß sie wild hervor. „Großvaterli würde einfach außer sich sein, wüßte er von den Geschichten. Den Tyras würde er auf Asmus hetzen, — ja, das würde er. Aber das nützte meiner Agnes nichts. Na und Grauchen? Soll ich’s Grauchen sagen? Die geht immer gleich so in Stücke. Und dann flattert und weht sie umher und redet vom 4. Gebot. Aber dies alles hat doch gar nichts mit dem 4. Gebot zu tun...“

„Doch, kleine Sörine! Um das 4. Gebot kommst du auch hier nicht herum. Das wollen wir uns gleich beide etwas näher ansehen.“ —

Erne Sörensen jagte die hellichte, törichte Freude in das alleräußerste Winkelchen seines Mannesherzens zurück und setzte sich sozusagen ein sorgsames Schulmeisterherz ein, aus dem er sich nun die bedächtige, kluge Pädagogik hervorholte. Aber während diese durch seinen Mund ihre Weisheit sprudeln ließ, hielt er selbst geheime köstliche Zwiesprache, und diese umhüllte alle seine strengen Worte mit feinem Humor. „Halt nur fein still, mein Kerlchen, kleiner, trotziger Unband. Will dir nicht deine lachenden Augen trüben für lange Zeit. Will dich auch nicht brechen, aber biegen muß ich den jung-jungen Baum. Auch das Geducktwerden schadet dir nichts, kleines Liebes. Halt nur still, ich tu dir schon nicht weh. Und die übliche Schulmeisterschere, mit der man Taxushecken beschneidet, lasse ich nicht an dich heran.“