Die Wiege in Vaters kleiner Kate hörte nicht auf zu schaukeln. Aber ich blieb der einzige Goliath.
Verhutzelt, braun, greisen- und zugleich zwerghaft erschienen mir alle meine Geschwisterchen, und sie verabschiedeten sich so grausam regelmäßig von dieser Welt, daß ich die Wehmutter bei jedem Neugeborenen gefragt habe: Wann stirbt’s? Und bei jedem der jämmerlichen Kindchen weinte die Mutter doch schmerzlich, wenn sie es hergeben mußte, weinte wohl auch über mich, der ich nie Geschwisterliebe kennen lernen sollte. —
Lebte da ein Verwandter mütterlicherseits in Erfurt, dem Herzen Thüringens. Der kam zum Viehkauf nach dem Norden und besuchte die Freundschaft.
„Das ewige Gesterbse baßt nich for son Jungen,“ erklärte er. Und obgleich ich mich heftig sträubte als dickköpfiger Holsteiner, so verpflanzte er mich trotzdem.
Damit mich das Heimweh nicht auffresse, warf ich mich auf die Bücher. In den Ferien kam ich ein- oder zweimal nach dem Elternhaus zurück. In der Erinnerung daran sind aber nur drei Punkte haften geblieben: die jedesmalige Besohlung meiner Stiefel durch Vaters Hand, eine schaukelnde Wiege und eine ganze Reihe kleiner Gräber auf dem verfallenen Gottesacker.
Doch so wenig mein Elternhaus mir bot, es muß doch die „Größeste unter ihnen“ darinnen gewohnt haben, denn das Haus meines Thüringer Ohms dünkte mich liebeleer, wenn ich Vergleiche zog.
Der kleine scheue Vater daheim in seiner stillen Besinnlichkeit, die fleißige, behende Mutter mit ihrem feinen, guten Humor...
Man hätte mich bei ihnen lassen sollen. Wer hat das Recht, Kinder von ihren Eltern zu nehmen?