In Sörensen stieg heißes Erbarmen hoch.

„Ja, du bist jetzt krank, kleine Agnes, und ich werde deinen Eltern sagen, daß sie dich einmal vier Wochen zu Hause und im Bett lassen sollen...“

Ein jähes Erschrecken lief über das abgezehrte Gesicht. „O nein, o Gott, nein, bitte, bitte nicht, Herr Direktor,“ flüsterte sie angstvoll, „die Schule ist ja das Einzige — — ich darf ja sonst nie mehr Sörine sehen...“ Agnes umklammerte seinen Arm. Aber dann ließ sie die Hände sinken.

Man hörte die Flurtür schlagen, daß alle Fenster klirrten, und Frau Asmus trat mit hochrotem Gesicht in das Zimmer. „Es war die Stadtsekretärin Hillebrand von der ersten Etage,“ entschuldigte sie sich, „da ist immer kein Loskommen. So eine hochmütige Person, Herr Direktor. Und der Mann ist ebenso. Mein Mann sagt, der verlangte, daß man eine halbe Stunde vor ihm katzbuckelte auf dem Magistrat, ehe er sich nur rührte auf seinem Schreibbock. Nur weil er mehr Gehalt hat, als wir Lehrer. Aber ich hab’ es der Frau vorhin ordentlich gegeben. Wenn ich reden wollte, hab’ ich ihr gesagt...“

„Ja. Danke, Frau Asmus. Meine Zeit ist sehr beschränkt.“ Sörensen war aufgestanden. Er nahm beide Hände der Kranken. „Gott befohlen, mein liebes Kind. Ich hoffe dich sehr bald wieder in der Schule zu sehen. Kannst du aber morgen noch nicht kommen, dann sehe ich wieder nach dir. Soll ich?“

„Ach ja,“ war die leise Antwort. „Aber ich werde schon kommen können. Nur die Arbeit von Fräulein Nissen, — —“ Agnes deutete auf ihre Hefte, „die macht mir Schwierigkeiten, — ich habe sie nicht verstanden...“

„So laß sie ruhig liegen, ich werde mit Fräulein Nissen sprechen.“

„Die Arbeit wird gemacht,“ fiel Frau Asmus hart ein. „Das fehlte noch, daß ein Lehrerkind, unsere Tochter, von Fräulein Nissen einen Faulheitstadel bekäme. Mein Mann und ich werden Agnes helfen.“

Ein großer, ernster Blick traf die Sprechende. Es wurde ihr unbehaglich unter diesen Augen.

„Die Arbeit ist dir erlassen,“ sagte Direktor Sörensen noch einmal gütig, und dann ging er.