Frau Asmus schlug drei Kreuze hinter ihm her.
„Natürlich gehst du nun morgen zur Schule. Das fehlte noch, daß ich mir vom Lyzealdirektor jeden Tag in meiner Wohnung herumschnüffeln ließe. Und die Arbeit für Fräulein Nissen machst du, das ist mir und Vater Ehrensache. Da hat der Direktor nicht dreinzureden, der ist nicht dein Ordinarius.“
„Ich möchte doch lieber zu Bett gehen,“ bat Agnes mit blassen Lippen.
„Ja, das ist Schulfieber, das kenn ich,“ lachte spöttisch Frau Asmus. „Beileibe nicht von mir selbst. Ich bin in der Mittelschule immer die Erste gewesen, auch im Seminar in Augustenburg. Aber dein Vater hatte einen Bruder, der war auch so’n Faulpelz. Von dem aus muß es auf dich übergekommen sein.“ Sie hätte wohl noch eine Weile fortgeredet, aber sie sah auf einmal, daß Agnes gar nicht mehr zuhörte, sondern ohnmächtig in der Ecke des häßlichen Sofas zusammengesunken war. Aber noch während Frau Asmus laut jammernd nach der Küche lief, kam das erschöpfte Kind wieder zu sich und besann sich langsam. Und sah, daß der Brief, das Kleinod, Sörine Heidekamps Gruß auf die Erde gefallen war. Sie war zu schwach, ihn aufzuheben. Das Zimmer kreiste mit ihr, als sie sich bücken wollte, sie mußte es aufgeben.
Frau Asmus kam mit Wasser herein: „Na, da schaust du einen ja wieder an, da — trink. Ich hab’ mich ja zu Tode erschrocken. Das kommt von dem langen Besuch. Daß so was ein Krankes aufregt, daran denkt freilich der weise Herr Direktor nicht...“ Jetzt entdeckte sie den großen Brief auf der Erde, das rote Wappensiegel und all die fröhlichen Wohlfahrts- und Werbemarken leuchteten obenauf.
Frau Asmus nahm ihn und betrachtete ihn gründlich von allen Seiten. Der rote Zorn stieg in ihr Gesicht und wollte losfahren, aber als sie das Kind ansah, erschrak sie. Das hatte sich aufgerichtet, und sah so weiß aus wie der Kalk an der Wand. Und nahm ihr den Brief aus der Hand und barg ihn zitternd in den Falten ihrer Bluse. Und Agnes sagte tonlos: „Den Brief nimmst du mir nicht, Mutter, sonst tue ich mir ganz gewiß ein Leid an. Und dann sehen es der Doktor und andere Leute, wie Ihr mich geschlagen habt, und wie mein Körper davon aussieht.“
Und immer hielt sie den Brief mit beiden Händen auf ihrem jungen, wildschlagenden Herzen fest, und die anklagenden Augen hafteten auf der Stiefmutter, der Zorn und Bestürzung die Stimme verschlugen.
Mit schweren Schritten tastete sich Agnes in ihre enge Kammer. Dort entkleidete sie sich mit zitternden Gliedern und schmerzendem Kopf. Als sie den Brief hervorzog, küßte sie ihn und legte ihn in ihr Bett und deckte ihn zu, bis sie sich Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatte. Dann legte sie sich hin, bettete ihre Wange auf das Schriftstück, und die Starrheit ihrer Züge löste sich, und sie lächelte rührend scheu und schattenhaft froh, weil sie zum ersten Male mutig gewesen war und sich etwas erkämpft hatte. Sie löste das Siegel vom Briefe und die Schmuckmarken und las das Schreiben und freute sich der Riesenbuchstaben ihrer Sörine, die man auch in dem Dunkel der Galgenstraße erkennen konnte.
Heidekamp, 1. April.
Meine geliebte Agnes! Weißt Du noch, wie wir immer in der Religion am liebsten die Engel hatten? Und bei den Märchen die Feen? Die dann so plötzlich dastanden und sagten: Wünsch dir was? So ein Engel kommt heute zu Dir, meine süße Agnes, und bringt Dir diesen Brief. Ich schäme mich halbtot, daß ich „Ihn“ noch vor fünf Wochen gehaßt habe. Du hast mich immer beschwichtigt, das weiß ich wohl, aber Du bist eben von Natur ein Sanftes und ich ein Alarmsignal. So nennt mich Großvaterli. Außerdem hatten Kahl und Dein Vater uns den Direx gründlich vorweg verekelt. Aber selbst der Haß gegen diese beiden ist ganz klein geworden, weil ich stundenlang darüber nachgedacht hatte. Das war auch ein Wunsch vom Herrn Direktor. Man kann und kann einfach nicht erbost und widerhaarig sein, wenn er einen so durch und durch kuckt mit seinen scharfen Augen. Ich möchte so gern wissen, ob es Dir auch so geht, meine süße Agnes. Daß Du ihm auch alles sagen möchtest, was so in Dir vorgeht und ihn immer um Rat fragen. Ich will ihm auch bei nächster Gelegenheit anvertrauen, daß ich später einmal Vetter Gerd heiraten soll. Es ist eine Familienbestimmung. Dazu kann und soll man immer nur Ja und Amen sagen, und das habe ich auch getan, weil es Großvaterli so froh machte. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir sehr große Freude macht wenn ich so denke, ich soll später den ganzen Tag mit Vetter Gerd zusammen sein. Aber wiederum wenn ich denke, Herr Sörensen könnte versetzt werden von Birkholz nach einer anderen Stadt nicht wahr da kann man sich totweinen?! Bitte schreibe mir, ob du das genau so fühlst. Denn du bist meine einzige Herzensfreundin, und es wäre zu schön, wenn wir immer dieselben Gedanken hätten bis wir sterben oder heiraten. Bitte verbrenne diesen Brief sofort. Aber wenn Du ihn nicht verbrennst, dann setze bitte alle Kommas hinein, die ich vergessen habe. Lebe wohl meine geliebte Agnes. Denke immer daß der liebe Gott bei Dir ist. Und ich auch.