Die Mutter nahm ich mit mir. Jetzt erst weiß ich, was sie mir für ein Opfer brachte. Sie aber tat, als sei das Thüringer Land ihres Herzens Sehnsucht gewesen. Lachend mit hellen Augen entsagte sie der nordischen Heimat und ließ ihre alten Wurzeln umpflanzen. Immer aber, wenn der Mond aufstieg oder die Sterne funkelten, fragte sie angstvoll: Gelle, das sind doch dieselben wie oben bei uns?
Dies „Gelle“ war das Einzige, was sie sich von den neuen Landsleuten angenommen hatte, es klang wunderlich weich neben ihrer scharf abgesetzten Holsteiner Sprache. —
So hielt sie der Gedanke froh und aufrecht, daß Sonne, Mond und Sterne auch über Schleswig-Holstein leuchteten, und jeden Abend trug sie dem Mond Grüße auf. Fast wie eine verliebte Deern. Sie galten aber den Gräbern droben im Norden, galten auch ol Pastor Truelsen oder Mudder Jensen, die unserer Familie früher in allen Nöten beigestanden hatten. —
Nun müßte ich das Buch schließen. Müßte einen Riesensprung tun von der Vergangenheit bis auf den Marktplatz von Birkholz, da das alte Patrizierhaus steht und das neue Lyzeum.
Wie ein besorgter Vater dem zaudernden Sohne, redet mir das verwitterte Wappen zu, das über dem einen Mauerflügel steht. Immer muß mein Blick es treffen, sobald ich mich zur Arbeit niederlasse, sei es in der Schule oder an meinem Schreibtisch: Nun aber lasset alles hinter euch... Wer diesem steinernen Spruche folgen könnte!
Über mich hat er keine Macht.
Und noch kann ich den Sprung nicht wagen, der in die Ruhe führt. —
Einundzwanzig Jahre war ich alt.
Ein Seminarist mit bestandenem Examen, einem eigenen Instrument im Arm und außerdem den Zukunftshimmel voller Geigen.
„Nun bist du ein gemachter Mann,“ sagte meine kleine, behende Mutter, und in jedem frühen Fältchen ihres Antlitzes leuchtete der Stolz. Sie sagte auch der Frau Rätin am Anger 67 in der Post die Wäsche ab und schuftete dafür am nächsten Morgen von drei Uhr an. Denn Pflichtversäumnis kannte sie nicht.