„Ein unbeweibter Mädchenschuldirektor ist etwas Unmoralisches.“
„Du lieber Gott,“ rief Frau Hagedorn ganz ängstlich, „ist das nicht ein furchtbar hartes Urteil? Ich kann das gar nicht verstehen. Und ich habe nur Gutes, nur das Beste von Herrn Dr. Sörensen gehört. Die Kinder schwärmen alle für ihn.“
„Schwärmen! Ja, das ist so das Rechte! Mit Schwärmen fängt es an, aber mit was hört es auf?“
Die junge Frau Amtsrichter erhob sich kriegerisch: „Gewöhnlich hört es mit der ersten Liebe auf, die man einem andern schenkt. Im übrigen denkt der gesunde Backfisch gar nicht daran, ob der Gegenstand seiner Verehrung ledig oder verheiratet ist. Wir schwärmten seinerzeit unsern Geographielehrer an, und die Liebe erstreckte sich gleichmäßig über ihn, seine Frau und seine sieben Kinder.“
Es lachte niemand. Denn sowohl Frau Postdirektor als Frau Amtsrichter waren „Ausländer“, Leute, die heute oder morgen wieder von ihrer Behörde versetzt werden konnten. Und man lachte in Birkholz nur über Witze, die von Eingeborenen verbrochen wurden.
Als die beiden freundlichen Damen, die das schon etwas gebrechliche Fräulein Tingleff nach Hause geleitet hatten, von der Kaffeeschlacht ihren Behausungen zuwanderten, begegnete ihnen Direktor Sörensen.
Er grüßte ehrerbietig. Ohne zu ahnen, daß die beiden frischen, jungen Frauen als einzige in einem großen Kreise für ihn eingetreten waren. Und als er dann noch in die Apotheke trat, um für seine gute Frau Dietz etwas Frostsalbe zu holen, da ahnte er gleichfalls nicht, daß gerade über seinem Kopfe in der guten Stube des Apothekers sein ehrlicher Name auf dem Boden lag und eben von der Magd mit vielen Kuchenkrümeln, sowie verlorenen Haar- und Stecknadeln hinweggefegt wurde. —
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So einen schönen, ruhigen Vormittag hatte Direktor Sörensen lange nicht erlebt... Weder aufgeregte Mütter, noch zornige Väter störten ihn, das Kollegium befand sich in einem geradezu idealen Zustande der Ruhe, — Einigkeit zu sagen, wäre wohl zuviel gewesen — und so konnte der eifrige Arbeiter lange Aufgestautes erledigen, ja sogar manchmal seinen Blick dem alten Garten schenken, darinnen die heimgekehrten Stare einen ungeheuren Lärm vollführten. Überall machte sich der Frühling bemerkbar, vom Storchnest an, das auf dem alten Rathausgiebel thronte, bis zu den drei Veilchen, die ihm heute Frau Dietz aus dem Garten gepflückt und neben seine Tasse gelegt hatte. Jetzt blühten sie vor ihm in einem winzigen Glase und dufteten wie lauter Lenzverheißung: „Nun muß sich alles, alles wenden!“