»Gittimuhm! Sag’ Gittimuhm!!!!«
Ende August.
So ist es geschehen, daß mein Herzensjunge neben mir in der blühenden Heide sitzt, daß ich in die Klarheit seiner Kinderaugen schauen darf, und alles, was ich an Bitterem erlebt, liegt weit hinter mir. Wir haben uns köstlich traut in Lage eingerichtet. Mein Junge hat das große, sonnige Zimmer bekommen, das einst Ohm Matthias bewohnte, wir machen nun Pläne, wie wir es im Winter ausstatten. Diese unverwöhnten Kinderhände füllen zu können, ist ein Glück ohnmaßen. Wie bescheiden sind seine Wünsche! Wie köstlich sein Erstaunen, wenn sie gewährt werden.
Wir haben uns selbst Ferien gegeben. Ich schrieb an den Direktor des Gymnasiums in K., und er bestätigte mir, was ich ahnte und immer aufs neue erlebe, daß ich ein seltenes Kräutlein in meinen Hausgarten gepflanzt habe,
»ich grub’s mit allen Würzlein aus …«
Die hafteten nicht fest in der ehemaligen Heimat, der man wohl gar nicht diesen trauten Namen geben darf. Clemens-Hartmut blüht auf in Lage. Ich habe dem Direktor meine Pläne unterbreitet, und er ist mit allem einverstanden. Konrad Oswald, unser alter, neugewählter Pfarrer, übernimmt den Unterricht des Knaben, – alljährlich wird Clemens-Hartmut in K. geprüft, ob er Schritt hält mit der Klasse, die seinem Alter angemessen ist. Die Stunde, da ich mit Konrad Oswald über Clemens-Hartmut sprach, war schwer und wunderlich. Oswald weiß jetzt, daß mein Junge Urenkel der Korb-Sina ist, und will es auch Maria mitteilen. Er hält sein Weib für großdenkend genug, daß sie restlos ihre verwandtschaftliche Liebe dem Knaben entgegenbringen wird. Ich denke nicht engherzig, daß Clemens nur meine Liebe braucht und der anderen gar nicht bedarf, – ich will ihm die gleiche liebereiche Kindheit und Jugend schaffen, wie auch ich sie einst mein nannte. Da soll jeder gesegnet sein, der mir Herz und Hände füllt. Auch vom Klassenlehrer meines Jungen erhielt ich einen lieben, wahrhaft väterlichen Brief, trotzdem der Herr noch jung und stürmend ist. Er bittet um die Erlaubnis, Clemens-Hartmut öfters besuchen zu dürfen, um seinen Werdegang noch unmittelbarer verfolgen zu können, denn er erwartet etwas »Besonderes von dem ›schwarzen Burschen‹«. Wie mich das stolz macht!
Daß Clemens-Hartmut Ritter Lages Sohn ist, habe ich Oswald nicht erzählt …
Ich warte auf Baron Leo, das zweite Ich des Ritter Lage.
Dieser abgeklärte, reife Mann wird mein bester Berater sein. Ich sehne die Stunde herbei, da ich ihm alles sagen kann, was mich zutiefst bewegt. Und ich weiß, in jener Stunde wird Baron Leo ganz sachlich urteilen, – er wird unser beider Glück im Auge haben, Clemens’ Glück und das meine, und nur diesen einen Punkt. – Deshalb lege ich alles in seine verläßlichen Hände. –
In mir selbst aber ist wieder die Sehnsucht aufgewacht und sieht mich mit großen, erwartungsvollen Augen an. Darf ich sie grüßen? Wenn Clemens-Hartmut gesund, feingliedrig und wohlgebaut ist … Ist damit nicht der Fluch von den Lages genommen? Wenn doch das Glück in mein Leben träte, und nicht das Entsagen? Herrgott, du weißt es! Ich selbst wollte nie etwas anderes begehren, als in heiliger Liebe, die zugleich edelste Freundschaft wäre, neben Ritter Lage zu wandern, ungezählte Jahre hindurch. Nur sein liebes, kluges Antlitz immer und immer wieder anschauen dürfen, seine Augen vertrauend, liebevoll auf mich gerichtet zu wissen, seine feste männliche Hand in der meinen zu halten, – es würde mir wahrlich nicht nur Genügen bedeuten, sondern Überfluß.