Erst als alle andern uns beglückwünscht hatten, kam langsam Baron Leo aus seiner entfernten Ecke auf uns zu. Sein vornehmes, leicht erblaßtes Gesicht mit den ausdrucksvollen ernst-frohen Augen war in befremdetem Erstaunen auf den Knaben gerichtet.

»Wie heißest du???« fragte er mit nicht ganz fester Stimme.

»Clemens-Hartmut Dörping.«

Baron Leo legte einen Augenblick die Hand über die Augen. Als er sie sinken ließ, war sein Gesicht völlig entfärbt.

»Was ficht Sie an, Baron Leo?« fragte ich leise.

»Eine Erinnerung«, war die ebenso leise Antwort. »Ich habe nur ein einzig Mal den Ritter Lage als Kind gesehen, er sah aus wie dieser – Ihr Junge.«


Dann wurde es noch recht lustig an jenem Abend. Es wurden Reden auf Haus Lage und die »junge Mutter« gehalten; die geistreichste in sehr flüssigen Versen gab uns der katholische Pfarrer. Voll Humor war sie außerdem, und gleich darauf dankte Clemens-Hartmut überraschend nett, in kindlichen, feinen Reimen, in meinem und seinem Namen. Dann nahm er auf einen Wink von mir bescheiden Abschied und zog sich zurück. Und in all der fröhlichen Lautheit, die nun folgte, und in der die berühmten schweren Weine des Lager Kellers nicht geschont wurden, dachten Baron Leo und ich unablässig das Gleiche: »Wären doch alle erst fort! Wir haben uns soviel zu sagen.«

Und es wurde wirklich einmal Mitternacht, die Gäste fuhren und gingen fort, und ich weiß nicht, auf welche Weise es Baron Leo fertigbrachte, sich nicht von den Heidkamps in ihren Wagen zwingen zu lassen. Auch die leise neckenden und erstaunten Zurufe der Heidkamperin ließen ihn völlig kalt, er tat, als sei er der Gebieter »von’t Lager Huus«. Mit lauter Stimme verkündete er, daß Wichtiges mit der Baronin Lage er zu besprechen habe und deshalb dankbar die gütige Einladung des Pfarrhauses Oswald annähme, um dort zu übernachten. Er würde auch den verehrten Herrschaften so rasch als irgend möglich dorthin nachfolgen. – Dann gab er noch allen das Geleit, während ich drinnen am großen, runden Tisch stand und die Papiere meines Jungen aus einer grauen, unscheinbaren Mappe nahm und vor mich hinbreitete. Mit raschem Ruck wurde dann von Baron Leo die Tür geöffnet, ohne daß er vorher noch einmal geklopft hätte.

»Wer ist der Junge, Freiin Brigitte? Ist er Lages Sohn?«