An den Kinderbettchen stand er und machte den Kleinsten Schattenspiele mit seinen gelenkigen Fingern, und den Größeren erzählte er Märchen. Und war doch bei mir, just wenn ich ihn brauchte, und fragte zärtlich: »Ist meine Gittimuhm fröhlich?« Und jedesmal nickte ich, nur um die sonnigen Augen nicht zu trüben.

Und gewann auch wieder eigene Freude, weil ich hoffte …

Abends hatte ich dann noch die näher am Bau Beteiligten bei mir zu Gast. Baron Leo wurde sehr vermißt. Frau von Heidkamp legte mir Daumschrauben an, sie wollte wissen, was wir damals »in der Nacht«, wie sie sich ausdrückte, zu schwatzen gehabt hätten, und was in aller Welt der Baron in Holland wolle.

»So ein Schatullchen!« meinte sie ärgerlich, als ganz und gar nichts aus mir herauszubekommen war. »Wer hat den Schlüssel zu Ihnen?«


In diesen ernsten Tagen des Harrens, und wiederum der Erfüllung, da doch mein Bau zu Ende gekommen war und alles Notleidende in meinem Dorf eine liebe, umhütende Heimat gefunden hatte, war mir mein köstliches Instrument ein wahrer Sorgenbrecher und ein schönes Erleben. Ich hätte wohl der Heidkamperin sagen können, daß Beethoven den Schlüssel zu meinem Herzen habe, aber das wäre ihr doch nicht die rechte Antwort gewesen. –

Als ich neulich am Flügel saß und fantasierte, kam mir ein liebes Thüringer Volkslied nach dem andern unter die Finger, und da setzte mit einem Male eine Flöte ein und begleitete mich zart und fein recht aus einem musikalischen Empfinden heraus. Ich sah auf. Mein Bub stand an den Flügel gelehnt, und ich sah, wie er die kleine Blechflöte meisterte, die er wohl irgendwann auf dem Jahrmarkt erstanden hatte.

»Das tönt gut, Gittimuhm«, sagte er, als ich die Hände von den Tasten sinken ließ.

»Und seit wann spielt mein Junge die Flöte?«

»Ohh! Seit ich von Großmutter Sina ein so schönes Buch bekam: ›Der große König und sein Rekrut.‹ Da wollt’ ich Flöte blasen und schnitt mir erst eine aus Weiden, und die nahm mir Fräulein Herwardson fort. Dann kaufte ich mir diese hier für 40 Pfennige und blies nur draußen auf der Wiese darauf, und im Winter im Hühnerstall. Da hat mich mal der Flötist von der Stadtkapelle gehört, der kaufte Eier von Fräulein Herwardson. Und da hat er mir ganz umsonst Stunde gegeben, so ein guter Mann. Denn er war arm. Deshalb suchte ich ihm im Frühjahr und Sommer Kräuter zum Tee. Er hatte es auf der Brust. Und der Tee tat ihm so gut. Schafgarbe und Quendelchen, Tausendgüldenkraut, Königskerze, Huflattich, Beifuß und Kamille …«