Eine »wüste Insel« haben wir entdeckt. So nennt sie der Schelm. Sie liegt im großen Lager See, und man muß 30 Schläge rudern, dann kann der Kahn anlegen. Es ist wohl seit undenklichen Zeiten kein Lage drauf gewesen, ein kleiner Urwald erwartete uns. Aber mein Diener hat Clemens-Hartmut versprochen, daß er roden wolle, und da ihm bereits die Wünsche meines Jungen Befehl sind, so hat Ludwig schon Hofarbeiter von mir erbeten, die ihm bei dem Gröbsten helfen sollen. Ein Tau haben wir bereits über die Mitte der Insel gespannt, das ist die Grenze zwischen Siribisi und Satafuna, unsern beiderseitigen Reichen. Am äußersten Ende eines jeden Besitztumes werden dann zwei Hütten gebaut, so hat es sich Clemens-Hartmut ausgedacht. Und sie heißen Blauaug und Schwarzaug und sollen uns beiden zur Wohnstätte dienen. – Bis jetzt ist also die Insel gar nicht »wüst«, d. h. einsam, sondern sie wird von einer Kolonne fleißiger Arbeiter und Holzfäller belebt, und mein Junge geht wichtig zwischen ihnen einher, oder »rodet« mit ihnen, ganz stolz, daß ihm der Schweiß ebenso rinnt, wie den Großen. Abends sehen wir dann am Seegestade dem Sonnenuntergang zu und genießen den köstlich warmen Herbst. Eng aneinandergeschmiegt machen wir unsere Beobachtungen.
Wir träumen uns hinein, daß alles lebt und alles fühlt.
Daß alles in der Natur ein lustiges, oder ein ernstes Frage- und Antwortspiel ist, und daß der See sich kräuselt und Wellen schlägt, und dadurch dem Wind und dem Sturm Antwort gibt.
Aus den in unendlichen Mengen herumliegenden, wunderlich geformten Steinen haben wir uns ein Alphabet gemacht und lernen jetzt lesen. Wir kennen die Buchstaben schon leidlich auseinander. Wo meine Blauaughütte hinkommen soll, liegen preislich davor 9 Riesensteine aus unserm Alphabet, die heißen »Zornebock«, und in Siribisi liegen 5 solcher Ungetüme, die besagen: »Gitti«.
Alles in allem sind wir zwei närrische Lages, wie sie im Buche stehn. –
Im Oktober.
Unsere beiden Blockhütten sind fertig und sollen morgen eingeweiht werden. Clemens-Hartmut »hängt nur noch in den Gräten«, so unendlich wichtig hat er den Fall genommen, und es bedurfte schon seiner großen Verehrung für Konrad Oswald, daß er das Lernen nicht vergaß. Oswald besitzt mein ganzes Vertrauen. Wie ruhig und sicher er den Knaben leitet! Wie er das reiche, überquellende Gefühlsleben vor dem Uferlosen zu bewahren sucht und eindämmt! Und wie er brachliegendes, schönes Erdreich bepflanzt und betreut mit der Menschenliebe des echten Erziehers.
Er hat auch seine Geige wieder hervorgesucht und übt mit meinem Jungen kleine, schöne Zwiegesänge ein, die ich dann begleite. Hie und da hört das Personal unsern Konzerten zu, und Eva behauptet, Lage würde »ganz neu«.
Morgen mit dem frühesten wollen Clemens-Hartmut und ich in die Blockhütten siedeln und unsere Monarchien ausrufen. Mit köstlicher, geheimnisvoller Wichtigtuerei deutete mir mein Junge heute zart an, es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß Prinz Schwarzaug die Prinzessin Blauaug im Laufe der Jahrhunderte heimführe …
Und ich gab ihm mit gebührendem Ernste zu bedenken, daß Prinzessin Blauaug niemals heiraten, sondern sich zu gegebener Zeit lieber in eine Birke verwandeln wolle. In deren Schatten solle dann Prinz Schwarzaug jeden Sommertag sitzen. Das fand mein Junge auch viel romantischer und der wüsten Insel angemessener, als eine gewöhnliche Heirat. –