Meine Jugend und meine Kraft gehört ihm. Und jeder Atemzug, jedes Wort, jeder Blick, vor allem aber jede Tat soll ihm sagen: »Ich diene dir. Zu allem, was ich tue, gibst du mir die Stärke durch deine Liebe.«


Jeden Tag gehe ich zum Liebsten durch unsern Märchenwald. Hie und da finde ich im Schnee eine Heideblüte, deren sattes Rot sich unter der weißen, kalten Decke frisch erhielt. Die bring’ ich dem Ritter Lage, und dann lächelt er. – Lacht über seine dumme Gitti, die in Eiseskälte nach einer so schlichten Blume sucht. Aber ich weiß doch, daß er sich darüber mehr als über all meine prangenden Gewächshausblüten freut. Und wenn er dann meine erstarrten Finger einzeln nacheinander zum Leben küßt, – es sind zärtliche Glücksstunden.

Clemens-Hartmut geht jetzt etwas einsame Wege. Die Eifersucht auf den fremden Mann kämpft mit seinem Mitleid. Oft kann er mich trotzig ansehen. Meine Nichtbeachtung dieses Zustandes hilft ihm am besten. Er sagt jetzt »Pflegevater« zu meinem Clemens, und dieser hat ihm das »Du« angeboten. Clemens-Hartmut empfängt jetzt schon alles aus der Hand seines Vaters, – die Annahme an Kindes Statt ist vorbereitet und wird vollzogen, wenn ich Ritter Lages Ehefrau bin. Die volle Wahrheit erfährt mein Junge erst, wenn er reif genug ist, sie zu erfassen. Bis dahin fülle ich sein Herz mit Liebe zu meinem einzigen.

Meine Dörfler sind wunschlos glücklich, daß ich Freifrau Lage werden will. Die Alten kommen und erzählen mir Geschichten aus den Jugendtagen meines Verlobten, sie loben den Schelm, der er damals war, über den Schellenkönig, und aus allem klingt es wie rührendes Erbarmen und Trostbringen zu mir hin.

Clemens macht meinem Dorf große, geldliche Zuwendungen, jede einzelne Haushaltung bekam am Verlobungstage eine ansehnliche Beisteuer. Und sie tragen allsonntäglich ihre Wünsche für den »guten, gnädigen Herrn« in die Kirche, das weiß ich. Und ich drücke alte und junge, runzlige und schwielige Hände und danke ihnen, daß sie sich für ihn im Gebet falten. – Viel Besuche habe ich empfangen, die ganze Nachbarschaft bis weit nach Holland hinein kam angefahren. Bei allen sah ich das herzliche Bestreben, über die ungewöhnliche Sachlage hinwegzukommen. Daß die Braut ohne den Verlobten empfängt. Tante Fernande, meine mütterliche Freundin, ist bemüht, mich wacker zu unterstützen. Sie hat in den letzten Monaten viel im »Gotha« gelesen und möchte dadurch ihre Spitalzeit selbst vergessen. Aber sie weiß nicht, wie sie sich gehaben soll, wenn plötzlich in ihre tadellose Rangliste eine Almosenempfängerin hineinfällt, die ihrer Herrin mit dem Herzen, ohne die nötige Besuchskarte Glück wünschen möchte. Auch Gese Nordstamm geb. Tönnings paßte nicht in Tante Fernandes Festfolge. Und doch war es für mich solche Freude, die schöne, stattliche Frau Förster zu sehen, die sich als Mutter ihrer Zwei so recht zu ihrem Vorteil verändert hat. Sie vertritt mich sehr würdig im Dorf bei Krankenbesuchen, da Maria Oswald die weitesten Wege nicht mehr zu schaffen vermag und mich mein geliebter Kranker in Anspruch nimmt. –

Geh’ ich ins Siechenheim, das einzige, dem Ritter Lage mich selbstlos abgibt –, dann schicke ich Clemens-Hartmut und Pieter Dinkel zu ihm. Sie sind zuerst Zauberkünstler und Akrobaten, und dann seine Bildhauerlehrlinge. Alles läßt er ihnen herbeischaffen, was Jungenherzen erfreut, und dem krummen Pieter Dinkel geht eine ganz neue Welt auf. Kommen sie zurück, so bringen sie mir vorsichtig kleine, von Ritter Lage und ihnen selbst geformte Figürchen mit, es sind aber immer nur »Gittis«, und die drei scheinen nichts dazuzulernen. –

So stellen sich die Sonnenblicke für mich dar, denen sich die reichen Stunden anreihen, da ich am Lager des Kranken sitze, mit ihm plaudere, ihm vorlese, oder mit ihm Schach spiele. Heute sagte er mir plötzlich: »Du siehst so schön aus, Gitti. Täglich erlebe ich dich schöner. Du mußt immer Weiß tragen, Winter und Sommer. Auch wenn ich tot bin. Aber dann löscht ja auch dein Leuchten, und es wird dunkel. – Gut, kleine Regenschirmbase, ich gestatte dir dann ein schwarzes Kleid …«

Ich muß mich dann fest in der Gewalt haben. Das lehrt mich unsägliche Liebe. Ich kann jetzt fröhlich lachen mit sieben Schwertern im Herzen.

Clemens sagt jetzt oft »Regenschirmbase« zu mir, es ist, als ob mit diesem Wort die ganze liebe, hoffnungsfrohe Vergangenheit lebendig würde und ihn hinübertrüge über die schmerzreiche Gegenwart.