Etwas ist noch vorhanden, was viel Kraft von mir fordert. Das sind die Stunden, da die Ärzte die Krankheit günstiger ansehen und ihm leichte Besserung in Aussicht stellen. Dann tritt ein gequälter Ausdruck in sein sonst so männlich beherrschtes Antlitz, und Zorn und Angst wechseln ständig miteinander ab. Einmal formte es sich sogar zu den marternden Worten: »Brigitte, bereust du? Brigitte, sei ehrlich!«
Dann aber freue ich mich meiner Liebe, die stärker ist als der Tod; und ich kann ihn lesen lassen auf dem Grund meiner Seele, darinnen nichts ist, was nicht dem Ritter Lage gehört. Hörst du mich, Ritter Lage? Nichts, nichts gibt es an mir und in mir, das nicht dein wäre! – – – Es gibt Stunden, da ich die Krankheit segne, wenn sie nicht Schmerzen bringt. – Denn ich darf stundenlang bei ihm sein, weil keine strenge Pflicht ihn von meiner Seite ruft. Und bin ich erst sein Weib, dann trennt uns auch kein Abend und keine Nacht mehr.
Baron Leo ist fast täglich bei mir, bei uns. Er hat sich zu den Heidkampern einquartiert. Die Heidkamperin möchte mir so viel sein in dieser Zeit, aber mein Leid, das ich mit Aufbietung all meiner Kraft unter meine Füße zwinge, das überwältigt die liebe Freundin. Wie Bäche rinnen ihre Tränen, sobald sie meiner ansichtig wird, ganz ohne Fassung ist die gutmütige, weiche Seele. Deshalb kann ich auch nicht ihren Wunsch erfüllen, sie ein einzigmal mit zu Ritter Lage zu nehmen. Er würde sich in vernichtendem Spott dagegen wehren, denn Beherrschung gilt ihm alles. –
Baron Leo vermag es, stundenlang mit mir bei dem Kranken zu sein und ganz frohmütig zu scherzen. –
Nur Zukunftspläne formen wir nicht. Ritter Lage haßt Schonung.
So schlägt uns keine Stunde. Genau wie den Glücklichen. –
Über den neuen Namen, der den »grauen Alltag« verdrängen soll, spricht Clemens des öfteren mit uns, aber wir finden keinen Ersatz. Ganz hitzig können wir bei dem Suchen werden, und einig sind wir uns nur darin, daß der »graue Alltag« verschwinden muß. –
»Öde und langweilig ist’s eigentlich nie bei den Lages gewesen«, erzählte Clemens; »ich habe in vielen der alten Folianten geblättert. Vielleicht war die Sippe zu gescheit dazu. Also hat der ›Alltag‹ keine Berechtigung. Aber das ›Graue‹, das Unheimliche und Düstere –, das haben wir kennengelernt, bei Gott!« Er war blaß, als er dies sagte, und seine Zähne knirschten leicht. »Soll nicht doch der Name bestehen bleiben, Gitti?«
»Nein, Clemens!«
»Wie zart und leise sie diesen kleinen Widerspruch wagt, – hörst du, Leo? Und könnte doch zornig sein, daß ich dem garstigen Namen Berechtigung zuweise, da das Lichtchen von Lage längst alle Winkel erhellt hat.«