37.
Der letzte Satz, den ich auf der vorigen Seite niederschrieb, ist ein so tiefes Erleben, daß ich mich wie ein neugeborener Mensch fühle. – Es wurde etwas in mir, oder soll ich bekennen, »ich ward?« – Dieses Werden kann nicht einseitig sein! Es muß in seinem gewaltigen Geschehen auch die Seele des andern erschüttert, ja neu geschaffen haben. Denn ich habe dieses »Werden« meiner Bruderseele mit erlebt, hab’ es in tiefem, wortlosem Verstehen gefühlt … Es wird mich fördern in meiner Menschenkenntnis.
»Fördern«, das ist mein liebstes Wort im deutschen Wörterbuch.
Einer den andern fördern. Jeder Mensch jeden andern Menschen. Sich immer dieser Aufgabe bewußt sein bei jedem Wort und jeder Tat. Mich selbst fördert ja nicht das, was ich erlebe, sondern was mir zum Erlebnis wird …
Ein Neugeborenes bin ich. Herrgott, hilf dem Kinde weiter!
Zwei Tage darauf.
Ich habe die Hochstimmung nicht verloren und abgetan, aber ich verberge sie tagsüber und hole den kostbaren Schatz nur des Abends hervor, wenn ich ganz allein bin mit meinen Gedanken und Erinnerungen, mit dem Mondlicht, das durch mein Spitzbogenfenster lugt, mit dem Folianten und mit meiner Liebe. –
Es ist nutzbringend, wenn man die Kraft besitzt, sich rasch umzuschalten. Ich mußte gestern den Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen tun. Er hat mein Gleichgewicht wohl ein wenig erschüttert, aber nicht zu Fall gebracht. Ohm Matthias kehrte von der Reise zurück, nicht allein. An seinem Arm führte er ein Lebewesen, teils Frau, teils Kind, teils Dirne – der alten Eva sträubte sich bei dem Anblick jedes Haar auf dem Kopfe. »Meine Braut«, sagte Ohm Matthias vorstellend, und er warf dem Wesen Blicke zu, daß ich in seiner Seele rot wurde.
Nach einigen Augenblicken des inneren Umschaltens in eine niedrigere Sphäre drängte ich das Menschenkind, fast ohne daß es dies gewahr wurde, auf die Halle hinaus, wo es zwar auch noch nicht am Platze war, denn der schien mir weit ab vom Weichbilde des Lager Huus zu liegen, aber es blieb doch einstweilen im Vorraum stehen. Ich selbst trat zu Ohm Matthias ins Zimmer und schloß die Tür hinter uns mit hartem Druck.
»Ohm Matthias, ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich üble Scherze durchaus nicht vertragen kann und auch nimmer in meinem Hause leide.«