Im Januar.
Wie öde ist dieser Monat. So lastend der Schnee. Und wenn er vertaut, wie tief und zäh dann der Schmutz in der Dorfstraße. Ich muß dann plötzlich an mein liebliches, reinliches, blühendes Erfurt denken, darinnen ich nie einen so dichten, nimmer sich hebenden, nassen Nebel erlebte. Oder sind das nur Stimmungen? Ist alle Verklärungskraft von mir gewichen? Dünkte mich nicht einst auch der Nebel schön? Weil ich durch ihn hindurch in die Waldkapelle schreiten durfte, in der mein Licht glühte? Und lachte ich nicht früher hellauf, wenn ich mit meinen festen Rindsledernen im Schlamm steckenblieb, nur weil es Lager Erde war, die sich an meine Sohlen heftete und mich festhielt im Lager Grund?
Aus der Tiefe schmerzlicher Stunden, des Heimwehs, der Vereinsamung hilft mir jetzt oft Beethoven, der Schutzherr der deutschen Lages. Wenn ich nicht allzuoft an meinen Flügel komme, so liegt es an der großen Arbeitslast, die auf mir ruht, und die Baron von ter Mählen »ungeheuerlich für ein kleines Mädchen« findet. Er ahnt doch wohl nicht so recht, daß diese Arbeit meinen einzigen Gesundbrunnen bildet, in den ich niedertauche, wie in ein Kohlensäurebad. Und dann die Musik, – Beethoven! Die Töne dünken mich Eimerchen, die sich in mich versenken und dann wieder emporsteigen, randvoll gefüllt mit guten Gedanken und Vorsätzen, die sich nun verteilen lassen auf ödes Brachland rings um mich her. Musik ist Religion, sie hebt meine Seele zu Gott. Die Holländer Lages waren nicht ausübend musikalisch, sie sind allezeit nur »musikhungrig« gewesen, wie mir einmal Baron ter Mählen andeutete. Und dies Innerliche ist oft mehr als protzendes Künstlertum.
Mein köstlicher Bechsteinflügel ist recht mein treuer Freund. Er muß mir ja auch alles ersetzen, was sonst in junge Herzen Glück hineinbringt. Und ich kann ihm weit mehr anvertrauen als irgendeinem lebendigen Menschen. Und wenn er es weit hallend ausplaudert bis in den Winterwald hinein oder es flüsternd an das leuchtende Kaminfeuer hinsagt, so tut er mir nicht weh, sondern wohl. – –
Am Siechenheim und Krankenhaus wird bienenfleißig gebaut, soweit es wechselnde Witterung zuläßt. Der junge Baumeister verehrt den Ritter Lage sehr und hat diese Verehrung auf mich übertragen. Er geht ganz in unsern Gedanken und Anregungen auf, und jedesmal, wenn ich den Bau besichtige, finde ich wieder etwas Neues. Etwas noch Schöneres und Zweckmäßigeres, als ich es mir vorgestellt hatte. Das ist ein köstlich Miteinanderarbeiten. Wenn der Frühling kommt, dann wird wohl das Haus fertig stehen, und ich will ihm und zugleich meinem Haus und Dorf einen neuen Namen geben. Das »Lager Huus« soll freilich bestehen bleiben, aber »der graue Alltag …« Könnt’ ich dies Wort verschwinden lassen! Könnt’ ich’s mit hartem Meißel ausmerzen bei den Leuten und in meinem eigenen Innern. Noch bin ich nicht so weit. An jenem Tage freilich, jenem unvergeßlichen, da der Topasenring im Tannenbäumchen hing, da mir Ritter Lage sagte: »Ich habe dich lieb, Gitti …«, da hätte ich jubelnd rufen mögen: »Ist irgendwo auf dieser gesegneten Gotteswelt noch grauer Alltag?« Und hätte Kraft und Willen gehabt, ihn mit meinem Überfluß an Liebe zu durchsonnen. Das ist vorbei. Ein Abglanz jenes Geständnisses aber blieb als stilles Leuchten in mir. Es kann nie wieder ganz dunkel werden in Lage. Aber grau ist es noch ringsumher, und wie soll ich einen leuchtenden Namen finden, wenn er nicht aus Licht und Helle herausgeboren wird? Warten muß ich. In Gehorsam gegen Gott warten.
Mich strebend weiter mühen.
Zünd an, Brigitte, zünd an!
42.
Im Februar.
Wie schrieb ich so treibend fröhlich in den ehrenfesten Folianten hinein, als noch eine treibende Fröhlichkeit in mir selbst schaffte. Jetzt nehme ich immer nur Anläufe, aber es kommt nicht zum sicheren Sprunge über die Hemmungen hinweg. Die lieben Nachbarn, das Pfarrhaus, die Lehrersleutlein, die Heidkamper und Baron Leo sorgen sich um mich. Man sagt mir, daß ich schlecht aussähe, große, bange Augen bekommen hätte und Anlage zur Einsiedelei in mir trüge, der ich um die Welt nicht nachgeben dürfe. Man schlägt mir eine große, zerstreuende Reise vor, und jeder einzelne dieser treuen, besorgten Freunde hat mir einen andern Fahrplan ausgearbeitet. Zerstreuung erhoffen sie für mich! – Und ich brauche Sammlung. Niemals habe ich in Lager Abgeschlossenheit Theater und Konzerte so sehr entbehrt, wie ich in der lauten Stadt die Natur entbehrte. Und jetzt soll ich schon fahnenflüchtig werden? Meinen Vorsätzen? Muhme Jesuliebes Mahnungen? Meinem Dorfe? Meinem Hause? Meinem Lager Wald? Wie wenig kennt ihr doch alle die Gitti. Die Ehre des Namens Lage gebietet, da ich hier bleibe. So sei es. –