Heute, nach so langen Wochen, kam ein guter, treuer Brief des Pastors Konrad Oswald aus Berlin. – Maria kann sich in der Großstadt nicht eingewöhnen, so schreibt er, aber er selbst fühlt sich ganz auf dem rechten Posten. Er muß noch Petrus, der Fischer sein, seine Kirche ist noch vielfach leer, aber auf die Hilfe und Treue der wenigen, die ihm allsonntäglich zuhören, baut er fest. Von der Seelsorge außerhalb der Kirche spricht er überaus fesselnd und rühmt Maria, die eine vorbildliche Pfarrfrau sei und mit den elendesten Kranken und verkommensten »Gesunden« in seinem Sprengel Fühlung habe. Aber alle seine werbenden Berichte über Marias Eigenschaften vermöchten kein Echo im Herzen seiner Mutter zu wecken, die mit verstockter Starrheit an ihrem Eigensinn festhalte. Nicht mit Bitterkeit schreibt er davon, aber tieftraurig. Es muß sehr schmerzen, wenn man in einem nahestehenden Menschen echte Liebe vermutete und erfindet ihn als klingende Schelle und tönendes Erz. –
Ich aber will es noch nicht wahr haben, daß diese feine, alte Frau nur verstockt ist. Wer will ein Mutterherz und seine vielfarbigen Schwingungen ergründen, oder sie gar mit kurzen Worten abtun? Jedenfalls bin ich sehr glücklich, daß Pfarrer Oswald mir endlich geschrieben hat, und daß ich auf diese Weise Bindeglied bleibe. Denn ich hörte von Frau von Heidkamp, daß Oswalds Mutter herzensgut von mir gesprochen habe. – So wird sie mich auch eines Tages wieder in ihre Freundschaft rufen und wird bei mir anfragen, wie es ihrem Sohne gehe. Dann kann ich ihr antworten, daß er die rechte Gattin fand, die seinen Beruf ideal erfaßt und in ihm aufgeht, und daß es töricht von der Mutter sei, sich nicht in seinem Glücke mit zu sonnen.
Grauer Alltag im Mai.
Heute jährt es sich, daß ich ins Lager Huus einzog. Aber ich muß erzählen, was mir geschah, als ich das letztemal den ehrenfesten Folianten aus der Hand legte. –
Es war an einem lenzigen Februartag, da ich zum erstenmal wieder leise singend in den Wald schritt. Ein altes Lied aus Kindertagen fiel mir ein. Und mir wurde frühlingsfroh zu Sinn, und kindhaft war mein Fühlen und nicht ahnend, daß der Abend dieses vorlenzigen Tages ein weher, herbstlicher, ein brutal zerstörender sein sollte.
»Nun fangen die Weiden zu blühen an,
Die Vögelein zwitschern schon dann und wann;
Und lieget auch noch in Furchen der Schnee,
Und täte der Reif auch dem Frühling weh – –
Wer weiß, über Nacht …