»So aber bin ich für Gerechtigkeit. Warum sollen Sie, die Fremde, die eigentlich gar nicht hierher gehört, die Lager Luft riechen, die Lager Milch trinken und das rote Lager Gold besitzen und meine Maria da in der stickigen, wilden Stadt hocken, allein, mit einem Mann, der dich liebt, jawohl dich, dich!« Und sie schüttelte mich.

Ich riß mich los. Mein Herz schlug laut, aber ich war doch ruhig, oder ich konnte es scheinen. »So wirst du mich nie wieder berühren, Sina!« gebot ich fest. »Das schickt sich nicht für dich und nicht für mich. Und das weißt du wohl. Und nur, weil du Sehnsucht nach deiner Enkelin hast, antworte ich dir. –

Konrad Oswald liebt seine Maria«, fuhr ich fort. »Wer in so warmen Worten sein Weib preist, wie es Marias Gatte tut, der gehört ihr auch …«

Sina machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Ehren muß er sie, aber das andre, das andre … Warum sind Sie hier?« fuhr sie mich an. »Meinen Sie, weil ich die verachtete Korb-Sina bin, ich merke nichts? Ich spüre die Motten nicht, die ums Helle flattern? Bis sie sich verbrannt haben? – Ich hab’ den Herrn Baron Ellers gefunden, ich hab’ ihn zuerst gesehen«, trumpfte sie auf. – Mir war jetzt sehr bang geworden. Sinas Augen sahen nicht aus, als ob die Besitzerin völlig klar sei. – Und es war auch empfindlich kalt auf dem feuchten Weidenstamm. Mich fröstelte. »Ja, und dann ist da der Baron von ter Mählen, ist Mitte 50 und macht noch schöne Augen. Und der Heidkamper. Und der Baumeister! Und der neue Pfarrer! Alles, alles Motten …«

»Sie ist verrückt,« sagte ich mir, »sie sieht entsetzlich aus, und du mußt rasch fort von ihr.« Aber ich blieb doch ruhig sitzen, um sie nicht zu reizen. Und plötzlich bog sie sich zu mir herüber, daß ein widerlicher Atem meine Wange streifte; er kam wie aus einer Gruft. »Ja, und dann ist da noch der Baron Clemens Lage …«

Kerzengerade fuhr ich in die Höhe. »Was unterstehst du dich??!« – »Hab’ ich’s getroffen?« zischte sie frohlockend. »Ahhhh! Aber den, – den bekommen Sie nicht! Der ist gezeichnet. Gott sei Lob und Dank! Den hält sein Schicksal von Ihnen weg und – – –«

»Seine Ehrenhaftigkeit«, sagte ich laut und wußte nicht, warum ich es sagte, und warum ich diesem schrecklichen Weibe Rede und Antwort stand.

»Seine Ehrenhaftigkeit!« kreischte sie toll auflachend. »Ahhh, nennt man das so bei den Vornehmen??? Also aus Ehrenhaftigkeit nahm er Sie nicht am Weihnachtsabend und verdarb Sie? Da Ihnen die Liebe aus den Augen sprang, als ob Sie ein Bauernkind wären, Sie gnädige Baronin?«

Mir war’s, als erstarrte ich in eisiger Kälte körperlich und seelisch vom Kopf an bis zu den Füßen. »Ich weiß nicht, wo du gelauscht haben magst, Sina,« entgegnete ich tonlos, »ich weiß auch nicht, warum du mir all dies Entsetzliche sagst … auch nicht, warum du den Baron Lage so schmähst, der dir nur Gutes getan hat und noch tut …«