Wieder lachte sie schrill. »Ich weiß es«, sagte sie dann böse. »Und ich weiß auch, warum Sie nicht aufstehen und weglaufen. Weil Sie Angst vor der Korb-Sina haben. Die könnte Sie hinterrücks überfallen, weil sie durchaus will, daß Sie alles bis zuletzt anhören. Sie sind jung und gesund, gnädige Baronin, Ihnen macht das bißchen Kälte nichts aus, mir gibt es vielleicht den Rest. Gleichviel, ich muß Ihnen noch eine Geschichte erzählen.«
Da setzte ich wirklich zum Fortlaufen an, aber ein so unheimlicher Blick traf mich, daß ich mich frierend wieder auf dem Weidenstamm zusammenduckte. Jetzt redete sie mit einer eintönig marternden Stimme, die nur hie und da von einem haßerfüllten Ausruf durchzischt wurde: »Wenn eine alte Dienerin schlecht von ihrem Herrn denken muß, den sie von seinen Bubenjahren an vergöttert hat, – dann ist es ebenso ein fressend Leid, als wenn jemand seine Liebste verliert, – ja, so denk’ ich. Und wenn die zimperliche Eva den ›Ritter Lage‹ fatschte und hätschelte und sich einbildete, all seine Klugheit hätte er von ihr, seiner Amme, in sich hineingetrunken, und wenn sie ihm später all seine dummen Streiche nachsah und ihn vor Strafen schützte: so hat sie es vielfältig von ihm wiederbekommen. Er hat sie, als er noch Kind war, gestreichelt und geküßt und nach ihr verlangt; und als er Jüngling war, hat er sie angelacht und ihr zugejubelt, wenn er in die Ferien kam. Wo ich aber seinen Weg kreuzte, da hat er mich verächtlich aus seinen schwarzen Augen angeguckt, und seine Mundwinkel hat er herabgezogen, ja einmal, als ich ihn lachend festhalten wollte, zog seine Peitsche einen roten Striemen über meinen Hals. Da sollt’ er abbitten, – das gnädige Fräulein Jesuliebe verlangte es von ihm. Denn sie war gerecht. Aber der Junker demütigte sich nicht vor mir, denn er war stolz. Da ließ ihn das gnädige Fräulein hungern, denn sie wollte ihn recht erziehen, aber er hungerte lieber, als daß er sich mit mir abgab. – Dann ist er mir immer aus dem Wege gegangen. Aber ich liebte so sehr seine Schönheit und Sauberkeit und Vornehmheit und stand von weitem und hatte nur den einen Wunsch, ihm Handreichungen tun zu dürfen, ihm zu dienen, wie die alte Eva. Aber er hatte einmal scharf und abschließend geäußert: ›Nicht mit der Feuerzange möcht’ ich die anrühren.‹ Bei jedem andern hätte ich gelacht, denn ich war schön, und alle liefen mir nach, aber bei diesem Dreikäshoch, der er damals war, schmerzte es mich zum Schreien. Dann vergingen die Jahre, er kam auf die Universität und auf die Akademie nach München, und dann heiratete er nach Holland. Erst als Witwer ging er ›in’t Lager Huus‹ und begegnete mir und sprach mit mir, denn ich war ja nun eine alte, verwitterte Frau geworden. Und da er unerkannt in Lage wohnen wollte, unerkannt auch von Eva, so bat er mich, seine Zimmer und den Tempel in Ordnung zu halten, und sah wohl, daß ich verschwiegen war wie das Grab, verschwiegener als Eva, die allgemein Geachtete, die deshalb mit jedermann plauderte. Und ich meinte, es gebe in der ganzen Welt keinen Ritter, denn den Ritter Lage.«
In diesem Augenblick schob ich ganz mechanisch in ihre lange Rede hinein: »Es gibt in der ganzen Welt keinen Ritter, denn den Ritter Lage!«
Sie schien es diesmal nicht zu hören, denn sie fuhr gleich fort zu erzählen. Aber sie richtete sich steil auf dabei, während sie vorher ganz zusammengesunken war. »Gnädige Baronin, Sie wissen, daß ich ein heißes Geschöpf war. Aber ich war eine gute Mutter. Von meinen Kindern hat keins zu darben brauchen, ich hab’ auch keines fortgegeben, sie fanden alle Unterschlupf bei der Korb-Sina, die für alle Brot schaffte. Daß sie dann doch auch alle verdarben, das machen Sie mit den Vornehmen aus, mit Ihresgleichen, gnädige Baronin, denen ein Mensch nichts gilt, nur ihr tierisches Gelüst. Aber meine beiden Enkelinnen, die Maria und die Martha, die sollten was Gutes werden. Das gelobte ich mir! Und ich dachte: ›Sind die Zweige heilig, so ist es auch die Wurzel.‹ Sie kennen die Maria, gnädige Baronin. Die hat die verfemte Großmutter wieder zu Ehren gebracht durch ihre Reinheit. Die Martha war auch rein. War ein siebzehnjähriges Kind. Und so schön, daß sie jeden Thron geziert hätte. Und ich, die verachtete Korb-Sina, die einst jedem gehört hatte, der ihr anstand, die sagte zu ihrem Enkelkind: ›Martha, halt dich rein! Gib dich nur dem, den du liebst, bewahr’ dich ihm auf, er wird es dir danken!‹ Wie konnt’ ich auch mir einbilden, just meine Enkelin werde den lieben, der sie auch heiratet.« – Wieder lachte die Korb-Sina schrill. »Auf guten Boden fielen meine Ermahnungen. Die Martha hielt sich rein und brav, bis sie liebte. Und da lief sie dem einen Manne nach wie ein Hündlein. ›Jag’ mich fort und tritt mich, aber dann nimm mich!‹ Er soll sich ihrer erwehrt haben, sie hat es mir hundertmal beteuert. Aber was beteuert ein Weib nicht, wenn sie liebt und auf dem Mann keinen Makel lassen will! Und ein so Starkes und Reines und Feines war meine Martha, daß sie den Namen jenes Mannes, der sie verdarb, mit ins Grab genommen hat. Jawohl, ins Grab!« schrie Sina sinnlos hinaus. »Gestorben ist sie in Not und Schande. Einen Knaben hat sie geboren. Und jener verruchte Mensch weiß nicht, daß er einen zweiten Sohn besitzt. – Gnädige Baronin, ich habe geforscht, gesucht, zehn lange Jahre hindurch. Auch der Pfarrer Oswald hat mir geholfen, aber wie soll man einen Namen ausfindig machen, der in einem Grab aufgehoben ist? Das Kind hab’ ich erhalten mit meinem Verdienst durch Körbeflechten. Und Pfarrer Oswald hat auch von seinem Reichtum gegeben, damit der Knabe eine gute Schule besuchen konnte. Aber was nützt die beste Schule, wenn er doch nur einen Mutternamen trägt! Hartmut Dörping. Hartmut! Glaub’ es schon, daß die Martha auf diesen Namen verfiel. Denn einen harten Mut kann dieser Jung brauchen all seiner Lebtage. Bei einem verbitterten, alten Fräulein ist er in Pflege, die benötigt die paar Groschen des Jungen blutsauer und gibt ihm doch nur harte Worte dafür.«
Korb-Sina sah mir jetzt starr ins Gesicht. Wie versteint in Haß und Grimm waren ihre Züge. »Gnädige Baronin,« sagte sie heiser, – »da komme ich neulich einmal zu ihm und finde den Hartmut weinend und die Nährmutter keifend, und er bittet: ›Großmutter, nimm mich doch mit in den grauen Alltag! Laß mich lieber dort die Dorfschule besuchen, als hier das Gymnasium. Ich kann doch auch in Lage ein Ehrenmann werden.‹ Denn das ist das einzige, was ihm die Martha hinterlassen hat, ein Zettelchen, drauf hat sie geschrieben: ›Was mein Jung mal werden soll? Ein Ehrenmann, wie es sein Vater war.‹ – Hätt’ ich den Zettel gefunden, ehe der Hartmut ihn fand, dann hätte mein Haß ihm erzählt, was sein Vater in Wahrheit ist. Aber nun konnt’ es die Großmutter nicht übers Herz bringen, und ich hab’ gelogen, – gelogen … Weil die Kinderaugen mich so anschauten: ›Tu mir nichts zuleid!‹ Aber dann wollt’ ich sein Köfferchen auf dem Oberboden suchen und fand es auch und habe das alte Schloß erbrochen und fand – – ein uralt Medaillon von meiner eigenen Großmutter, die eine sittenstrenge, hochangesehene Frau war. Den Schmuck hatt’ ich der Martha als Amulett mitgegeben. Und nicht mehr dran gedacht. Und drinnen im Medaillon fand ich auch ein Erbe, – einen Zettel, der war wie ein Blitz in der Nacht … Jesus! mir wird sehr ungut!« unterbrach sich die Alte, die zuletzt nur ganz heiser gesprochen hatte. Und sie griff nach ihrem Herzen. Da umschlang ich sie mit meinen Armen. »Komm, Sina, ich führe dich heim.« Aber sie wehrte mich ab. Mit blauen, zitternden Lippen und fahlem Gesicht fragte sie heiser: »Wissen Sie, was drauf stand? Ich las es mit diesen meinen alten Augen: ›Clemens-Hartmut von Lage!‹«
»Nein!« sagte ich laut. Und erschrak vor meiner eigenen Stimme.
»Ja!« schrie sie mich an. »Den ich als etwas Höheres geliebt und geschätzt hatte, der hat mir meine junge Enkelin geschändet … Inzwischen ist längst die Wahrheit erwiesen worden … Nicht wahr, das ist nicht schön? He? Das tut weh? Und ich sag’s noch einmal: Clemens-Hartmut Lage! Und sag’ auch noch einmal: Es ist ebenso schlimm für einen treuen Diener, wenn er seinen Herrn als schlecht erkennt, als wenn ein Mädchen seinen Liebsten verliert. Und nun …«
Aber ich hörte nicht mehr, was sie weiter sprach, – ich war an ihr vorbeigegangen, wie im Schlafwandel, dachte nur: dort in der Richtung muß wohl dein Haus liegen, und auf diesen Weg steuerte ich mechanisch zu. Einmal war’s mir, als schlüge ein Laut, wie von einem verwundeten Tier an mein Ohr, aber ich wandte mich nicht. Ich hörte mich hie und da laut »nein« sagen, es brannte sich dies eingelernte Wort in mein Gedächtnis. In der Halle von Haus Lage schrie ich dies »Nein« dem eisernen Ritter in das offene Visier und taumelte die eichengeschnitzte Treppe hinauf. Und rief das »Nein« zur Horchbucht hin, und dann hat mich die alte Eva gefunden …
Nach langer Zeit.
… Nun greift das graue Entsagen hinein in meine Not …