Edlef und ich haben’s durchgesetzt, daß sie dort blieb. Die Ahne wollte sie in den Mutterhof zwingen. Das wär ja nimmer geglückt. Nomine hat die Schwester öfters von Kiel aus besucht, hat sie aber noch nie angetroffen. Sie hat auch Melenke zu sich eingeladen, denn das Band, das Halliggeschwister verbindet, ist ein sehr festes. Aber die Jüngere ist nicht gekommen, sie bäumt sich gegen jede Bevormundung. –

Die Ahne geht gebückt. – War eine junge Frau mit ihren fünfundachtzig Jahren, mit den roten Backen, den scharfen Augen und dem raschen Gang. Und wenn sie auch manchmal bei Tisch einschlief, so war sie nachher doppelt ausgeruht und schlug uns Jüngere mit Kreuz- und Querfragen. Jetzt ist sie alt geworden. Bin ich bei ihr, dann redet sie mit guter, leiser Stimme. Nicht mehr energisch und zupackend wie früher. Gleichsam entschuldigend, daß sie mir kein besser Dach bieten könne als den Mutterhof, aus dem eine Haustochter entlaufen. – Mir zerreißt es das Herz, sehe ich diesen zerbrochenen Stolz. – –

Mein Buch gedeiht. Das Manuskript ist schon recht umfangreich und ich liebäugle fast damit. Es ist ja auch mein Schatz. –

Gestern war Maren allein bei mir.

Fast erschreckte es mich. Sie trat so leise ein. Und ein gar so zager Ruf: »Bruder Manne!«

Dann lag sie freilich rasch an meinem Herzen, und mir verschlug die jähe Freude schier die Stimme. Ich nahm ihr Mantel und Kopftuch ab und drückte sie fest in den Altväterstuhl hinein, drin alle Wögens ausgerastet haben. Da saß sie geruhig wie der Vogel im Nest, und ich erzählte und fragte und mußte mich baß wundern, warum ich so karge Antwort erhielt. – Zuletzt kam mir ein Freudengedanke, und immer zarter sprach ich mit ihr. Um ihr vielleicht ein Geständnis zu erleichtern, das sich etwa so formen könnte: »Bruder Manne, willst du mir vom Oberboden die Kiste tun, darinnen unsere winzig kleinen Kinderhemdchen und Häublein liegen?«

Aber sie sagte nichts, sah nur rings die Heimatwände mit den vertrauten Bildern und dem Urväterhausrat an. Ganz still und besinnlich, als sähe sie alles zum erstenmal.

Da stand ich auf, beugte mich über sie und sagte: »Süße Marenschwester, das wird einmal alles wieder dir gehören – – und deinen Kindern.«

Wie herb und traurig sie lächelte. Ach, daß es solch ein Lächeln geben darf auf dem Antlitz eines jungen, schönen Weibes …

»Ich werde niemals Kinder haben, Bruder Manne.«