Die Ahne hatte den Physikus aus dem »Jungteil« treten sehen und ihm durch das Fenster des Wohnpesels im Mutterhofe mit ihrer hellen, scharfen Stimme die Tagszeit geboten. Aber er, der sonst gern mit der schlagfertigen Greisin plauderte, winkte nur grüßend mit der Hand und war eilends den Weg über die Fennen hingeschritten. Verwundert und kopfschüttelnd hatte die Ahne das Fenster wieder geschlossen, aber dann war ein Schmunzeln, wie frohes Begreifen über ihr Antlitz geflogen …
Und in der Dämmerung hatte sie lange mit Maren allein auf der Ofenbank gesessen. Zuerst mit Kreuz- und Querfragen über Wirtschaftsangelegenheiten, dann schweigend. Jedes tief in seine eigenen alten und jungen Gedanken versenkt. Dann war sacht und wie beiläufig die Frage der Ahne gekommen: »Hast du mir nichts zu vertrauen, Enkelin Maren?«
»Nichts, Ahne.«
Wieder Schweigen.
Dann der zürnende Ausruf: »Das ist nicht recht, Enkelin Maren. Was du tust und unterläßt, geht den Mutterhof an. Deine Wege sind Mutterhofwege. Denk dran.«
»Allstunds«, sagte Maren gequält.
»Du kannst aber abirren und fehlgehen. Auch ohne deine Schuld. Ahne und Mutter sind dazu da, zu weisen und zu beraten. Allwissend bin ich nicht, so rede mir selbst von deiner Not. Denn daß du in Not bist, sagen mir meine sechsundachtzig Jahre.«
Der Ahne Stimme war leise geworden. So hatte sie gütiger als sonst geklungen, da nur immer das Herrschen und das Befehlen mitschwang.
Da hatte Maren den Kopf in den Schoß der Ahne gelegt. Es war wie ein Zufluchtsuchen und Ausruhen gewesen. Und es war das erstemal, daß ein junges Menschenkind der alten Frau mit einer Zärtlichkeit nahte.
So wachte auch in der herben Greisin etwas Liebes, kaum Gekanntes auf. Scheu waren die Runzelhände über Marens weiches Haar geglitten.