»Erzähl’ mir eine Geschichte, Ahne«, bat Maren müde.

Die Ahne hatte wunderlich gelacht, wie die Alraune im Märchen. »Wollt’ ich nicht etwas von Enkelin Maren hören? Mich dünkt doch.« Aber gleich drauf willfahrte sie. Als wolle sie einen Gedanken festhalten und auf andere Weise zu ihrem Ziele gelangen.

Leise und einschläfernd erzählte die Ahne, aber es war ein Unterton darin. Ein scheues Tasten und Fragen und ein Antwortheischen …

»Es gibt eine Zeit, da verlieren wir Gott. Jungerweis’ oder alterweis’, – es kommt wohl über alle. Übergroße Lust oder übergroßes Leid heben ihn plötzlich hinaus aus unserm Kopf und Sinn und aus der Herzenskammer. Schließen die Tür hinter ihm zu. Wäre Gott nicht die Geduld selbst, die immer wieder anklopft, wir stünden schon längst verlassen. Da war aber einmal ein junges Weib, ein Gegenspiel von andern Frauen. Das hatte die Welt verloren … das lebte nur in Gott. Das sah ihn in jedem Ding der Schöpfung, in Wald und Wasser, in Licht und Sonne, Feuer und Wind. Und in dem kleinen Alltag des Lebens. Die Welt und alle Menschen versanken ihm völlig. Es kamen Krankheit, Not und Trübsal, es kamen Ehre und Freuden ohne Zahl. Und das junge Weib lobte Gott in jedem Falle und spürte seine Nähe. Aber die Menschen schienen ausgelöscht aus dem Gesicht und Gedächtnis. Ein Mann sah sie und begehrte ihrer. Aber sie war wie unirdisch, weil sie nur Gott kannte und die Welt verloren hatte. Da wollte der Mann ihr suchen helfen in seiner großen Liebe. Aber er vermochte sie nicht zu lehren, und sie fand nicht die Welt und nicht die Menschen. Und der eigene Mann fürchtete sich vor ihr.

Nun ward sie gesegneten Leibes.

Und als sie geboren hatte, und das Kindlein schrie neben ihr, da ward ihr plötzlich die Welt offenbar. Und als sie dem Kindlein die Mutterbrust reichte und der zarte Mund ihr Herzblut trank, da kam so unendliche Menschenliebe in das Herz des Weibes, daß es unter der Fülle zu sterben vermeinte … Und Gott hatte ein Wohlgefallen an des jungen Weibes Wandlung, denn er sagt: ›Die Liebe ist die Größeste unter ihnen.‹«

So schloß die Ahne:

»Das Kind … Enkelin Maren! Das Kind ist des Weibes und des Lebens Erfüllung!«

Jäh hatte Maren ausgeweint.

»So bin ich ausgestoßen von aller Erfüllung, Ahne, Und auch der Mutterhof hat sich mit mir betrogen.«