Sie wollte noch fragen: Warum femt ihr mich denn, wenn ein Kind euch doch so wenig gilt? Aber sie wollte der Greisin nicht noch weher tun.

»Seit Menschengedenken ist kein unehelich Kind auf dem Mutterhof gewesen«, hub die Ahne wieder an. »Junggaster und Haustöchter lebten allstunds untadelig Leben …«

Sie schlug die welken Hände vor das Antlitz, die alten Augen hatten die Tränen verlernt, um so erschütternder klang ihr trockenes Schluchzen.

Nach einer Weile verstummte es, und die Ahne erhob sich mühsam. »Ohm Rickert und Enkelin Maren! Ihr werdet niemand sagen, daß ihr mich schwach gesehen habt. – Ich danke dir, Maren, daß du die verlorene Tochter pflegst, als sei sie ehrlich. Am neunten Tage ihres Wochenbettes werde ich zu ihr gehen und sie nach dem Vater des Kindes fragen. Rüstet zu einer stillen Hochzeit. Vorher soll das Kind getauft werden. Mein Enkel Edlef wird den Namen bestimmen, weil uns die Schmach angetan worden ist, niemand von der Sippe des Kindvaters zu kennen. Und da wir keine Wehmutter hatten, so soll das Kind von unserer alten Magd zur Kirche getragen werden ohne Festkleid und ›Brokaten Holl‹[4]. Auch soll die Wöchnerin keine ›Wöffesamling‹[5] abhalten dürfen, so hart mir diese Pön ankommt, die den Mutterhof trifft wie einen Schlag. Dagegen wird meine Enkelin Melenke ganz allein den ›Un Sark gung‹[6] halten, doch soll ihr niemand Opfergeld geben. Und will der Pastor ihr Fem und Pön dabei auferlegen, so muß sie es tragen.«

[4] Erbmütze.

[5] Frauenversammlung.

[6] Kirchgang.

(Anm. d. Verf.)

Die Ahne schwieg erschöpft und Ohm Rickert war hinter seinen Rauchwolken schier verschwunden. Seine Stimme klang grollend hinter dem Nebel: »Nun wird der Soot zugedeckt, aber erst nachdem das arme, junge Blut hineingefallen ist …«

Maren ging müde in das Jungteil des Mutterhofes zurück. Dort sah es ganz friedlich aus. Die junge Wöchnerin schlief fest nach der erschöpfenden Nacht. Auch Tanten Frauke hatte sich etwas niedergelegt. In Marens Wohnpesel stand die Wiege mit dem Neugeborenen. »Du Armes!« sagte die junge Frau zu dem kleinen Bündel in den rotgewürfelten Kissen. »So gar nicht willkommen geheißen, und doch ein Gottesgeschenk …«