Neun Tage später klopfte es mit hartem Finger an die Schlafstube im Jungteil. Maren Holgers, die noch die letzte Hand an das Aufräumen des Pesels legte, erschrak bis ins Herz hinein. Melenke lachte geringschätzig. »Wie willst du das Leben ertragen, Maren, wenn du so’n Bangbüx bist. Als ob du die Dummheit gemacht hättest und nicht ich. Ganz blaßßnuutig sühst du ut.«
»Seid ihr fertig dadrinnen?« tönte die Stimme der Ahne hinter der verschlossenen Tür. »Ich bin es nicht gewohnt zu warten.«
Wieder lachte Melenke hart. Und schob Marens stützende Hand fort und ging selbst zur Tür, die sie entriegelte. »Gö Dai, Ahne, gö Dai, Mutter, da habt ihr mich. Macht’s kurz.«
Die Ahne schaute finster auf die Enkelin, während Mutter Holgers nichts zu sehen schien als die plumpe, blumenbemalte Holzwiege mit dem Enkelkinde, das man ihr so lange vorenthalten. –
Sie hob das Kind aus den Kissen.
Alles Herbe fiel von ihr ab. Was da so winzig und hilfsbedürftig auf ihren Armen lag, war Fleisch und Blut von ihrem eigenen Selbst. Ihr erstes Enkelkind. Tausend unsichtbare Quellen sprangen in ihr auf. Wie geschah ihr? So hatte sie nie ihre eigenen Kinder geliebt, wie dieses verfemte Lebewesen, das man so gern auf dem Meeresgrunde bei Ekke Nekkepenns Weib gelassen hätte. Gleichviel, sie liebte es. Trotz der Schande, die seine Mutter über den stolzen Mutterhof gebracht. Und trotzdem man nicht seines Vaters Namen wußte. Scheu und ungeschickt küßte Mutter Holgers das kleine, rote Gesichtchen. Dann legte sie das Bündelchen sorgsam in die Wiege zurück und hielt hastig eine Milchflasche mit rotem Saugpfropfen der jungen Mutter entgegen: »Was ist das? Seit wann zieht man auf dem Mutterhof Flaschenkinder groß?«
Melenke gab keine Antwort und Maren sah wie schuldbewußt vor sich nieder.
»Antworte deiner Mutter«, gebot rauh die Ahne.
Melenke zuckte die Achseln und ließ sich in den Ohrenstuhl gleiten, denn ihre Kräfte waren noch nicht völlig wiedergekehrt. »Das Selbstnähren ist für seßhafte Leute«, sagte sie mürrisch. »Sobald ich arbeiten kann, gehe ich wieder nach Hamburg. Da muß das Kind ohnehin die Flasche bekommen …, eine Freundin von mir will’s aufziehen …«
Maren sah in ungläubigem, schreckhaftem Staunen auf die Schwägerin. Die Ahne winkte ihr. »Laß uns allein, Maren.« Da erhob sich rasch auch Mutter Holgers und ergriff mit Maren zusammen die Holzwiege und trug sie mit ihr hinüber in den Wohnpesel.