»Werden die sechs bald ein Unterkommen finden?« fragte Maren teilnahmevoll. »Frau Pastorin wird das auf die Dauer nicht schaffen können …«

»Freilich nicht«, meinte betrübt Frau Luischen. »Da sind besonders die drei, Momme Mommsen, Gesche Wiensen und Melf Brodersen. Die haben einen unheimlichen Appetit. Weiß nicht, wie ich sie satt kriegen soll. Und an Arbeit fehlt’s auf unserer kleinen Warf. Und doch sind sie alle drei gesund und müßten beschäftigt werden …«

»Geben Sie sie mir«, rief Maren lebhaft. »Ich hab’ Arbeit in Hülle und Fülle. Mein Mann verläßt mich, …« sie erschrak selbst über das eigenartige Wortspiel und setzte hastig hinzu: »Er ist nach Kopenhagen gewählt. Soll auch in Kiel und Hamburg bleiben …«

»Laden Sie sich auch nicht zu viel auf, Frau Holgers?« Pastor Licht drohte mit dem Finger. »Sie haben doch schon Melenkes Kind bei sich …«

Zum erstenmal lächelte Maren. »Ja, und Akkes Kind ist auch bei mir.« Sie erzählte rasch von Akkes kopfloser Flucht, und daß sie das Kind um des unglücklichen, schwer betroffenen Großvaters willen so lange behalten wolle, bis Akke sich melde und es zu sich hole. »Nun kann die Großwarf doch wieder ein rechter Mutterhof sein«, setzte sie errötend hinzu.

Da sagte auch Pastor Licht: »Du starkes Herz!« Wie vorhin Manne Wögens. Und gab ihr das väterliche Du, das er sonst nur für seine eigenen, erwachsenen Konfirmanden hatte.

Nun wurde alles sachgemäß besprochen. Auch mit den drei alten Leuten. Die waren ganz aufgeräumt, daß sie auf den stattlichen, reichen Mutterhof sollten. Der Aufenthalt »bei Pastersch« sah ihnen wie Almosennehmen aus, weil keine rechte Arbeit für sie da war.

»Ihr könnt gleich mitkommen«, gebot Maren freundlich den drei Auserwählten. Dann nahm sie noch eine ergiebige Vesper mit den gastfreien Wirten ein und zog schier fröhlich mit ihrem seltsamen, humpelnden Gefolge ab. Das Pastorenpaar mit den drei Bresthaften winkte ihnen lange nach. Händereibend schritt dann Pastor Licht in seiner Stube auf und ab. »Siehst du, Luischen, vorhin drückte mich der Anblick des schaurigen Todes da drinnen schier zu Boden. Und nun zeigt mir gleichdrauf der Herrgott so echtes Menschentum und hebt mich wieder auf. Nun kann ich froh an mein Tagwerk gehen.« –

Der Mutterhof empfing seine junge Herrin in voller Tätigkeit. Der aufgebaute Zaun leuchtete ihr mit den vielen neueingesetzten Holzteilen förmlich entgegen. Die von der Sturmflut weniger bedrängten Warfbohlsgenossen hatten sich eingefunden, um an allen Ecken und Enden zu helfen, und Maren Holgers begrüßte die Nachbarn mit dankbarem Handschlag. Dann eilte sie ins Haus. Auch hier hatte man die Zeit gut genutzt. Alle Stuben unten waren tüchtig durchheizt und sauber, die Säuglinge schliefen in zwei Wiegen. Erstaunt sah Maren, daß Tanten Frauke ihr nie benutztes Heiligtum für Akkes Kind hergegeben hatte. Mutter Holgers schlief übermüdet von der unruhigen Nacht einen tiefen Erschöpfungsschlaf, und Ohm Rickert ging bastelnd, rauchend und philosophierend im ganzen Gewese umher.

»Allens im Lot«, sagte er nickend. Und setzte ritterlich hinzu: »Eben meint ich noch, jetzt müßt büschen Sonne kommen, damit das hier wieder durch und durch trocken und warm wird. Und süh so, – da kommt auch schon Nichte Maren.«