Und doch war es Maren, als sähe der Alte wie verlegen an ihr vorbei. Da ging sie in den Wohnpesel des Mutterhofs, um nach Onnen und Karen zu sehen, fand aber nur Karen fest schlafend auf dem Sofa. Und Onnens Kammer ausgeräumt. Sie ging nach dem Jungteil und fand es leer und unordentlich. Und lief nach Tanten Fraukes Altenteil, und sah Frauke Holgers über ein Bett geneigt, in dem Onnen noch immer schlummerte. Bei Marens Eintritt drehte sich Tanten Frauke um und war mit raschen Schritten bei ihr. »Wie müde du aussiehst, meine Maren … Und ich kann dir keine Ruhe und keine Freude bringen.«
»Edlef?« fragte Maren. Und eine Flamme schlug ihr ins Gesicht, weil sie zuerst und immer nur an ihn gedacht. Und sie sah doch, daß hier ein Schwerkrankes lag – ihr kleiner, guter Onnenschwager.
»In Onnen scheint eine ernste Krankheit zu stecken.« Tanten Frauke ging mit zartem Takt über Marens Frage hinweg. »Er schläft seit heut morgen fast ununterbrochen. Nur ein paar Minuten war er halbwach …, als Edlef Abschied nahm …«
Maren taumelte. »Edlef … nahm Abschied …?«
»Ja, Maren, mein Deern. Er läßt dich grüßen. Er bekam ein Telegramm. Hat alles noch geordnet, so gut es ging. Er übergibt dir den Mutterhof. So sei er in guter Hand.«
Auch Tanten Frauke sah an Maren vorbei. Ganz bewußt. Und ganz ruhig sprach sie. Als sei diese Abreise nicht für ein ganzes Jahr vor sich gegangen, sondern etwas Alltägliches.
Und all ihre Gedanken, all ihr Feinempfinden, all ihre große Liebe zu Maren schienen eine Mauer um das junge Weib zu bauen, die es schützen sollte vor Neugier und wehtuendem Mitleid.
Mit tastenden Schritten ging Maren an Onnens Bett und sah still auf den Schläfer nieder. Nach einer Weile schlug dieser die Augen auf. Er schien Maren nicht gleich zu erkennen, aber dann festigte sich sein Blick. »Du!« sagte er mit schattenhaftem Lächeln. »Einen schönen Gruß … Wenn ich nicht mehr so müde bin, soll ich dich beschützen, Marenschwester … Edlef läßt dir sagen: Gott behüt!«
Da kniete Maren am Bette nieder und ihr Kopf sank auf die fieberheiße Hand des Knaben. Und sie weinte, wie sie nie in ihrem tapferen Leben geweint hatte. –
Tanten Frauke ging sacht aus der Tür. Draußen nahm sie einen Holzstuhl, stellte ihn vor die Tür und setzte sich darauf. Und hielt treue Wacht, bis sich ein verzweifelndes Menschenkind durchgerungen hatte. –