Nun hatte sie sich mit einem Ruck losgerissen.

»Sie überschreiten Ihre Befugnisse, Herr Lehrer Wögens. Ich sitze nicht mehr auf der Schulbank. Trotzdem will ich Ihnen Antwort geben. Ernste Arbeit für meinen künftigen Beruf ist nicht kaltherzige Bequemlichkeit. Allerdings, ich wollte nicht unnütz gestört werden. Und des Heimatballastes etwas ledig werden. Aber ich habe zweimal an Melenke geschrieben und sie nach Kiel eingeladen. War auch ganz im Anfang bei ihr in Hamburg. Aber ihre Umgebung war für mich unwürdig … Und dann … nahm mich allerdings das Bauen meines Doktors ganz in Anspruch …«

»Und damit war die Schwester völlig aus Ihrem Gedächtnis entschwunden? Ich kann’s mir denken …«

»Warum examinieren Sie mich?« fuhr sie wieder auf. »Ich verbitte mir’s. Ich habe einmal Ohm Rickert in Husum getroffen. Noch vor zwei Monaten. Und habe ihn nach Melenke gefragt. Da sah er mich an, als hätte ich chaldäisch gesprochen. Und hatte es sehr hilde und rief mir nur zu, es gehe ihr gut, es gehe ihr am besten von uns allen.«

Wieder lachte Manne Wögens kurz auf. »Sieh so, – der Ohm Rickert. Ja, das ist ein Humorist und Philosoph.«

»Ich weiß nicht, was Sie wollen«, bemerkte Nomine Holgers ärgerlich. »Es wird das beste sein, ich lasse Sie hier stehen und stapfe allein durch den Schnee zum Mutterhof. Da wird mir ja alles offenbar werden, worüber Sie so krampfhaft orakeln.«

Er sah sie seltsam forschend von der Seite an, und einen Augenblick wollte das Mitleid heiß in ihm aufwallen, wie sie so ahnungslos neben ihm schritt.

Aber da schürzte ihr Mund sich schon wieder. »Daß Sie doch immer schelten und schulmeistern müssen, Manne Wögens. Ich hatte mich wahrhaftig auch auf Sie gefreut. Aber nun ist alle Freude fort. Und dabei will ich doch nur die paar Weihnachtstage bleiben, will dann ins Ausland gehen in den ersten Tagen des neuen Jahres. Könnten Sie nicht aus diesem Grunde ein bißchen netter sein?«

Sie blieb nun stehen, und wieder sahen sie sich in die Augen.

»Wie schrecklich blaß und elend er mit einemmal aussieht«, dachte sie. »Und warum trägt er mir alles so nach? Was habe ich denn so Böses getan?«