»Von der Schulwarf. – Aber anders, als du es wolltest.« Edlef nahm bittend ihre Hand. »Ich möcht’ wieder Sonne auf dem Mutterhof haben. Wehr doch nicht ab, Mutter. Und ich will’s gleich dazu sagen, von heute ab kommt Tanten Frauke wieder auf den Ehrenplatz. Neben dir und der Ahne soll sie sitzen.«

»Beißt du den Herrn heraus?« grollte die Frau. »Willst du, daß sich die toten Holgers im Grab herumdrehen? Was soll die Unfruchtbare auf dem Ehrenplatz? Gott hat sie gezeichnet. Vergiß das nicht, Edlef.«

»Frau Mutter, daß ich nicht den Respekt vergesse!« Edlef zwang seinen Unmut. »Unsere Hallig ist ödes Eiland, aber unsere Zeit ist nicht das Mittelalter. Und ich will Tanten Frauke Sonne geben, ich will’s.«

»So hab ich zu schweigen.«

»Nicht so, Mutter. Nicht so.« Er hielt noch immer ihre Hand, aber sie sah ihn feindlich an. Da stürmte er fort.


Sonntag auf der Hallig. Auf der Kirchwarf zogen Knaben den Glockenstrang. Es waren keine hallenden Domglocken, es war ein klägliches Rufen: »Kommt! Kommt!« Aber die ganze Gemeinde gehorchte. – Im schwarzen Gottestischkleid zogen sie daher, und bei den Frauen lag das mit Klöppelspitzen umsäumte Taschentuch quer auf dem Gesangbuch. Von einer Warf zur anderen schlossen sich Männer, Frauen und Kinder an. Sie sprangen an langen Stangen über breite Wasserrinnen und schritten auf hohen, schmalen Stegen über die Priele. Die Sonne lachte an diesem Novembersonntag. Und die Friesengesichter sahen hell aus. Denn die Hallig verwöhnt ihre Kinder nicht, sondern ist herb zu ihnen und hält sie knapp. Da werden sie zur Dankbarkeit erzogen für jeden Sonnenblick. Vor der uralten, turmlosen Kirche standen sie in Gruppen, und der Pastor schritt grüßend hindurch, und die Pastorin hatte eine liebe Art zu grüßen und zu nicken und im Vorbeigehen rasche Fragen zu stellen. Alles war Leben an ihr und warme Anteilnahme.

»Ein’ feste Burg ist unser Gott!« klang das schlichte Harmonium, Lehrer Manne Wögens legte seine Seele hinein. Und aus den hellen Stimmen der Schulkinder, die zur Liturgie sangen, spürte man die Wärme, die ihr Lehrer für sie hatte. Auch in Pastor Lichts Predigt war warme Güte. Er kam als Fremder aus Thüringen und tastete noch etwas an dem Herzensschloß seiner Halliggemeinde, auf daß er den Riegel fände. Aber die noch fest versicherte Pforte machte ihn nicht ungeduldig. Weil nach Gottes Wort die Liebe für ihn die »größeste unter den dreien« war, und er ihrer ausschließenden Macht vertraute. –

Auf dem Gottesacker der Kirchwarf stand Edlef Holgers und betrachtete ein schlichtes Grab, das mit Muscheln belegt und mit einem Kranz Bonnestave geschmückt war. Vor einigen Tagen hatte man einen Namenlosen hineingebettet, den die See an den Strand geworfen.

»Mensch, komm von dem Grab fort«, rief halblaut Peder Claußen, der sich, wie immer, verspätet hatte. »Ich kann nur an Leben denken. Mensch, Edlef, sie will mich! Was kostet die ganze Hallig? Hab auch schon mit der Mutter gesprochen.« Peder lachte in sich hinein. »Die sagte: ›Nimm sie um Gottes willen, damit ich meine Ruh kriege.‹ Heut sag ich’s dem Pfarrer. Akke ist daheim geblieben – beim kleinen Bruder. Edlef, – ich bin wie duhn vor Glück, wenn ich dran denk, daß sie sich im Kinderwiegen übt.«