Das Leben lag vor ihm wie die blühende Halligfenne in lauter goldener Sommersonne. Lernen durfte er, – lernen. All sein dürstendes Sehnen stillen. Das angefangene Werk seines lieben, heimgegangenen Bruders dereinst fortsetzen.
Er durfte bodenständig auf seiner Hallig bleiben, ohne einen Menschen zu betrüben, ohne einem seiner Angehörigen liebgewordene Pläne zu zerstören.
Alle waren einverstanden mit seinem Wollen, freuten sich mit ihm. Der Reichtum erdrückte ihn fast. Da war es gut, daß man einen lieben, klugen Lehrer hatte, der zugleich sein bester Freund war. Auf ihn konnte man einen Teil der Freuden abladen und sich allstunds treuen Rat holen. Zu ihm wollte Onnen jetzt stürmen und viel herrliche, schier unerhörte Dinge und auch viel Ernsthaftes und Unverstandenes mit ihm durchsprechen. –
Maren hatte ihm nachgesehen mit gutem Blick und tausend guten Gedanken. Sie liebte diesen hochgemuten Jungen wie ein eigenes Kind. Und der Gram um ihr totes, eingesargtes und begrabenes Glück wich einer großen, alles überragenden Dankbarkeit gegen Edlef. Über sein Grab hinaus. –
Sie hatte am gestrigen Tage still ihre Habe gepackt, um wieder nach denn Schulhause zum einsamen Mannebruder zu gehen. Da spürte sie es zum Weinen schwer, wie sehr sie mit dem Mutterhof verwachsen war. Jede kleinste Wurzel ihres Herzens mußte sie einzeln herausreißen, und das tat unerträglich weh.
Nun hatte ihr heute der Hamburger Rechtsanwalt eröffnet, daß sie die Herrin des Mutterhofes sei.
Daß Edlef ein Testament hinterlassen habe. Der Anwalt hatte einen Brief des Toten an sie in ihre Hände gelegt. Darin standen die Gründe, weshalb Edlef alte, überlieferte Bestimmungen zu ihren Gunsten umstieß. »Weil Du mir schrankenlos vertrautest. Weil nichts Dich anfocht, was Dir die Umwelt zutrug. Weil Deine Liebe zu mir so stolz und groß war, daß Du mich nicht ein einziges Mal gefragt hast: ›Ist es wahr, was man mir sagte?‹ Dafür bist auch Du meines schrankenlosen Vertrauens würdig, und sollst gesegnet sein, süße Mutter Maren.«
Diesen Brief, oft gelesen und mit Tränen benetzt, barg Maren auf ihrem Herzen. Aber sie sann in stillen Stunden, deren sie jetzt nach dem strengen Trauergebot des Mutterhofes gar viele hatte, darüber nach, was wohl in dem Spruch für ein Geheimnis liege, der ganz klein geschrieben die Nachschrift des Briefes darstellte: »Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern …«
Als Onnen aus der Haustür gestürmt war, hätte er beinahe Frau Akke umgerannt, die zögernden Schrittes sich gegen das Haus hin bewegte.