Die Lampe brannte still, und die Ahne erzählte. Onnen und Klein-Karen saßen vor ihr auf niederen Stühlchen und sahen aufmerksam in das lebendige, alte Gesicht.
»Weiter, Großmudder, weiter!« bettelte Onnen. Und Karen wühlte ihr Köpfchen mit den bangen Augen in den derben Friesenrock der alten Frau. Zwanzigmal hatten sie die Geschichte wohl schon in ihrem jungen Leben gehört, aber sie wirkte immer wieder aufs neue durchrüttelnd, daß sie in arger Bangnis schier vergingen.
»Ja, so war’s. Am heiligen Karfreitag spielten sie mit den Karten auf Heyens Lei. Und sie lachten und spotteten der Ahnen und Alten, die ihnen wehren wollten.«
»Hast du sie auch gewarnt, Ahne?« fragte Klein-Karen und zog den Kopf aus dem Versteck.
»Ach, dumm Tüg. Ich war damals ein Kind wie du. Ahnen gibt’s auf jeder Hallig. Wirst selbst mit Gottes Beistand eine werden.«
Da strahlte Klein-Karen. »Du, ich werd’ ’ne Ahne«, versicherte sie erst einmal jedem einzelnen Zuhörer. Und ihr süßes Kindergesicht über der breiten weißen Halskrause lachte selig in die Zukunft hinein, und das Antlitz der erzählenden Großmutter dünkte dem Kinde wunderschön, also daß es keine Angst hatte, einmal ebenso auszusehen. –
»Hatten sie denn den ganzen Tag nicht gebetet am Karfreitag?« fragte Onnen.
»Doch, doch. Da war der gottesfürchtige Pastor und seine Frau, die hatten selbst die Glocken geläutet, weil das Wetter so schlimm war, daß kein Mensch zur Kirche gelangen konnte. Da sollte wenigstens das Glockengeläut nicht fehlen, meinte der Pastor, und die Heyensleier könnten dazu für sich beten, jeder in seinem Hause. Und er selbst und sein Weib riefen bei jedem Glockenschwung: ›Christ Kyrie, komm zu uns auf der See.‹ Aber die Heyensleier spielten und tranken Köhm oder Kaffeepunsch.«
»Kaffeepunsch schmeckt gut«, sagte Klein-Karen.
»Ohm Rickert hat mich kosten lassen. Wenn ich mal Ahne bin, trink ich jeden Abend welchen.«