»Ja, ja, Ahne«, sagte der Pfarrer ernst. »Ich kenne das. Wenn man ärgerlich oder gekränkt ist, dann wollen die Finger zu keiner geruhigen Arbeit taugen. In solchen Zeiten steck ich mir die Pfeife an. Aber der Ahne fehlt solch Trostmittel …«
»Weshalb um tausend Gotteswillen haben Sie so etwas getan, Herr Pastor?« brach die Ahne los. »Wenn die Kirche erst mal nicht mehr feststeht …«
»Ach, die steht noch ganz fest, Ahne.« Fast leise sprach der Pfarrer. Er wollte wohl nicht, daß irgend jemand der übrigen Bewohner etwas von ihrem Gespräch vernehmen sollte. »Aber selbst wenn sie einstürzte, liebe Ahne, würde unser Herrgott nicht um eine Wohnung verlegen sein. Da ist z. B. das Herz Ihres Enkels Edlef, – das gäbe ein gutes Herrgottsstübchen ab …«
»Ich verstehe das alles nicht, was der Herr Pastor da spricht …«
»So will ich deutlicher werden, Ahne. – Wir alle, und ich leider Gottes an der Spitze, hatten neulich den lieben Gott verleugnet, – jawohl, Sie auch, Ahne, – ich kann nur ganz wenige ausnehmen, darunter mein Luischen und Mutter Claußen, aber die war ja Partei … Also da hat sich der Herrgott nach einem Obdach umgesehen, und fand Ihren Edlef. Aus dem heraus hat er mich dann bearbeitet, hat mir in einer bitterernsten, schlaflosen Nacht gezeigt, daß ich tönendes Erz und klingende Schelle sei, wenn ich nicht ganz rasch die Liebe und nur die Liebe walten ließe. Ahne, ich wünsche jene Kampfnacht nicht meinem ärgsten Feinde, wohl aber den Erkenntnismorgen, der darauf folgte, jedem meiner Freunde. Ihr Enkel Edlef, liebe Ahne, sprach mir von seinem toten Schulkameraden, und jedes Wort war Liebe, – er zeigte mir die unglückliche Mutter Claußen, und jedes Wort war Liebe. – Ahne, ich sag’s nicht als Entschuldigung, daß ich im Grunde des Herzens genau so dachte wie der Edlef. Aber ich tat’s aus Gründen der Aufklärung, nicht aus Liebe. Ich wollte der Gemeinde kein Ärgernis geben. ›Wehe dem, durch den Ärgernis kommt.‹ Ach, die Bibel hat soviel Sprüche bereit, und das Menschliche in uns holt diese sich gern zur Entlastung. Die größte Sünde ist aber oft die Bequemlichkeit. Doch ich weiß genau, liebe Ahne, Gott wird am Jüngsten Tage jeden Sünder, und wir sind’s allzumal, fragen: ›Wo war deine Liebe?‹ Und dem, der viel liebte, wird viel vergeben werden. Wer aber bei Guttat oder Sünde ganz ohne Liebe war, – – über den wird der Herrgott sein ›Wehe‹ rufen.« –
»Das hört sich gut und christlich an, Herr Pastor. Aber wozu sind Eltern und Großeltern da? Hätte Mutter Claußen nicht wie in einen goldenen Kelch in ihren Peder geschaut, und die Rute nicht nur zum Spaß hinter dem Spiegel gehabt, – dann wär die Todsünde nicht geschehen.«
»Ihr Frauen, ach, ihr Frauen!« Pastor Licht wiegte den Kopf hin und her und fuhr sich dann unmutig durch sein volles, graues Haar. »Ihr könnt inwendig die Güte selbst sein, könnt anderer Leid heben und tragen in völliger Selbstüberwindung. Und dann wieder seid ihr so hart. Ruft ›Todsünde‹ aus, wo ihr leicht ebensogut ›Schwachheit‹ sagen könntet.«
»Selbstmord ist Todsünde«, beharrte die Ahne. »Und der Herr Pastor tut nicht gut, an diesem alten Friesenglauben zu rütteln. Wir auf dem Mutterhof bleiben bei der alten Lehre. Ich hab dem Enkel Edlef noch nicht die Tagszeit geboten seit jenem Unheilstag, und geh auch nicht zu Mutter Claußen zur Kondolenz.«
Traurig und zornig sah Pastor Licht die Ahne an. »Hätt’s nicht geglaubt«, sagte er nach langer Pause. »Hab’ noch neulich bei einer Visitation erzählt, daß die Ahne nicht nur die älteste Frau auf unserer Hallig, sondern auch die gescheiteste und – die frömmste sei. Ich weiß, daß Sie ein paarmal die Bibel durchgelesen haben, weiß, daß Sie mehr als einmal das Kapitel vom Zöllner und Sünder durch- und durchdachten. Und nun sitzt die Ahne doch da und schlägt sich an die Brust …«
»Weiß schon, was Sie sagen wollen, Herr Pastor, und bedank mich schön für den ›Pharisäer‹. Aber in diesem Punkt kommen wir nicht auf gleich. Das ist vielleicht in Ihrem Thüringen anders …«