So viel hatte die Mutter seit Gedenken nicht gesprochen, und sie wendete sich jetzt auch fast erschrocken über sich selbst ab. Edlef sah sie erstaunt an.

»Warum ihr nur alle so unkt«, lachte er voll Zuversicht. »Mir hat mein Lebtag kein Faden wehgetan, und die Maren ist jung und gesund.«

»Die Maren ist gottsunmöglich zart«, eiferte die Mutter. »Ein Stadtmadämchen, kein deftiges Halligkind. – Der mag wohl der neumodische Spruch recht sein. ›Freuet euch, freuet euch!‹ Und auf solchen Juchhei wollt ihr einen heiligen, ernsthaften Ehestand aufbauen? Was gibt es denn zu freuen auf dieser Jammerwelt? Ich möcht’s wissen …«

Da legte der Haussohn seinen Arm um die Mutter und führte sie ans Fenster, das er weit öffnete. Da lag die Hallig im vollen Abendglanz der untergehenden Sonne. In Glut stand der Himmel über der salzen See. Golden waren die Wolken umrandet, und die Mondsichel trat schwachsilbern heraus. Wie rote Lohe lag’s auf der Schneelandschaft, die Priele glänzten, und fern donnerte der blanke Hans gegen das Gestade.

»Weil unsere Heimat so schön ist, Mutter«, sagte Edlef Holgers. »Weil ich dich gesund bei mir habe und die Ahne. Weil Vater mir den ›Mutterhof‹ so stattlich hinterließ, all darum freu ich mich. Und weil ich einen treuen Freund habe und ein treues Mädchen, darum ist’s schön auf dieser Erde.«

Und als ihr verdrossenes Gesicht sich kaum veränderte, zog er die Mutter in einer scheuen Zärtlichkeit zu sich heran: »Könnt ich dir doch Freude geben! Das blüht alles in mir und ist voll Sonne. Du sollst nicht im Schatten stehen, Mutter.«

Da blieb Mutter Holgers eine ganze Weile still an ihn gelehnt. Und es war ihm, als schmiege sich ihr Kopf mit dem glatten Braunscheitel, in den sich schon weiße Haare mischten, freiwillig fester an seine Brust. Wie Ruhe suchend nach des Tages Mühsal und Einerlei. Aber das ging rasch vorüber. Verwirrt sagte die Mutter: »Jung, du büß wull rein dörchdreit.«

Aber es klang nicht böse, nicht einmal unwirsch. Und ein Etwas schwang mit in diesem Ausruf, das Edlef noch nie an seiner herben, unzufriedenen Mutter wahrgenommen. Da rief er noch einmal Hurra durch das offne Fenster, all sein Ernst war verflogen, er war nur der überglückliche Sohn und Hochzeiter.

»Du spielst wohl ›Unklug‹?« fragte die hereintretende Ahne. »Was soll das sperrangelweite Fenster?«

»Den Staub jag ich heraus«, rief Edlef. Und er faßte die Ahne um und reigte langsam mit ihr und sang mit schallender Stimme: »Wer die Heimat nicht liebt und die Heimat nicht ehrt, ist ein ›Llllump‹ und des Glücks seiner Heimat nicht wert.«