Am andern Morgen ging es heiß her in der Universität auf der Schulwarf. Die Jungen hatten alle rote Köpfe und der Lehrer dazu. Manne Wögens konnte sich gar nicht genug tun in der Deutschstunde, und arbeitete mit den Großen, als säße er nicht auf ödem Halligeiland, sondern mit ausgesuchtem Menschenmaterial in der Prima oder Sekunda eines Gymnasiums. Wie frisch die Jungen waren! Wie angeregt! Wie sie ihm folgten! »… und deshalb sage ich euch, ein gutes Buch ist der größte Schatz. Ich will helfen, daß ihr euch eine kleine, gute Bücherei anlegen könnt. Bringt mir alles, was ihr daheim habt. Ich suche und sondere aus, und dann wird nach und nach Neues angeschafft. Sagt’s euern Eltern daheim, daß ihr euch zum Geburtstag ein Buch wünscht. Ich stelle eine Liste auf, und ihr dürft euch aussuchen. Aber bis zum nächsten Geburtstag leihe ich jedem ein Buch von mir.«

Das gab einen lauten Freudenausbruch.

»Nun, Onnen Holgers, mein Sohn,« fragte Manne Wögens, »ich meinte, ich müsse deine Stimme obenauf hören. Statt dessen schaust du aus dem Fenster. Du suchst wohl den gestrigen Tag? Ja, mein Junge, der ist fort, bitte dich gefälligst in die Gegenwart zu bemühen – –«

Onnen Holgers wurde dunkelrot. »Freilich freue ich mich auf die Bücher,« stieß er heraus, »nur da draußen, – das ist die Nomine. Was macht sie einmal auf der Schulwarf …?!«

»Son ol grot Mäten geht ni mehr to Schol!« ließ sich einer von den allerjüngsten Abcschützen vernehmen.

Aber der Herr Lehrer war schon mit einem Hechtsatz, der seiner Turnerschaft alle Ehre machte, zur Tür hinaus. Wahrscheinlich ärgerte er sich draußen selbst über seine Eile, jedenfalls ging er denselben Weg langsam zurück und rief seiner Herde zu: »Es läutet 11 Uhr auf dem Glockenturm, packt langsam und ordentlich ein.«

Dann klinkte er die Gartenpforte auf und sah Nomine Holgers, an einen der verkrüppelten Obstbäume gelehnt. Verstört die Augen und blaß das schöne, kluge Gesicht. »Wollte nur bitten,« sagte sie hastig, »ob Sie Onnen und Karen bei sich behalten könnten, die Kinder passen heut nicht nach Haus …«

»Es ist etwas sehr Ernstes geschehen, Fräulein Nomine?«

»Ja, – Melenke ist heimlich fort. Gestern abend schon muß sie sich den Auswärtigen nach Pellworm angeschlossen haben, aber nicht einmal der Postschiffer hat sie erkannt … Wir fanden einen Brief von ihr. Einen häßlichen, unguten … Herrgott, Manne Wögens, die Ahne! Sie hat alle Läden im Hause geschlossen, als ob Melenke tot sei.«