Dann war er allein. Eine Zeitlang stand er noch auf der Vordiele in der Haustür und winkte den Dreien. Denn immer wieder hoben sich zurückgrüßend die Kinderhände. Am Horizont stand der glutrote Ball und warf seine letzten Strahlen über die salzen See und die Heimat ringsum. Dann sank die Sonne ins Meer. – Wie kalt es mit einemmale wurde! Müde tastete sich Manne Wögens in seine einsame Stube. Er fror bis ins Mark hinein. – –


Pastor Ephraim Licht hatte an seine stille Hallig eine schöne Sitte bringen wollen, die er im tannenwaldumstandenen Dorfe seiner Thüringer Gemeinde sooft und gern geübt. Die »Spinnstube« sollte droben im Norden aufleben. Mit Spinnrad und Strickstrumpf sollten die Frauen kommen, mit einem guten Buch oder einer fesselnden und lehrreichen Geschichte die Männer. – Halligsagen und -märchen sollten neu erstehen, damit man sie für die Nachkommen sammle und festhalte. Fragen, welche die Halliggemeinde ungelöst mit sich herumtrüge, sollten daheim aufgeschrieben und dann öffentlich verhandelt werden. Oder auch nur von Mund zu Mund in der stillen Studierstube des Seelsorgers. Wie Kinder auf Weihnachten, hatte sich das Ehepaar auf diese »Lichtkarze« gefreut, die auf der großen Diele des Pfarrhauses tagen sollten. Zur festgesetzten Stunde kamen sie auch alle gegangen. Es fehlten wohl nur die ganz Bresthaften, die nicht mehr über die schmalen Prielstege zu klettern und auch nicht über die kleinen Wasserrinnsale zu springen vermochten.

Ein langer, schweigender, wunderlicher Zug war’s.

»Sieh nur, Luischen, sie kommen wie zu einer Beerdigung«, sagte Pastor Licht. Und das Ehepaar beobachtete mit leiser Bangnis die ernsten, verschlossenen Gesichter der langsam und schwer Heransteigenden.

Oben in der Diele wurden die Spinnräder aufgestellt und die Strickstrümpfe und Klöppelkissen hervorgeholt, und bald war die eifrigste Arbeit im Gange. Die Fragen, welche Pastor Licht und Frau Luischen an ihre Gäste stellten, waren bald beantwortet, dann herrschte tiefes Schweigen. Nur unterbrochen vom Surren der Rädchen und dem Klappern der Klöppel und Stricknadeln.

Auf die Bitte nach einer schönen, seltsamen Halliggeschichte schauten sie den Seelsorger groß und fragend an, und Boy Boysen meinte geruhig: »Dortau is de Paster da.«

Lächelnd willfahrte ihnen Pastor Licht und erzählte von diesem und jenem aus seiner reichen früheren Tätigkeit und dem Schatz seiner Erfahrungen. Aber als er geendet, hoben die Frauen wieder ihre Spinnräder hoch und schritten mit einem ernsten: »Fahre weel« über die gastliche Schwelle. Die Männer zündeten sehr erleichtert ihre Pfeifen mit dem scharfen Holländer Knaster wieder an, und verstiegen sich in ihrer Heimkehrfröhlichkeit sogar zu einem: »Dank ok veelmals, Paster.«

Ein paar alte Weiblein blieben noch sitzen. Als sie aber sahen, daß da »nix nachkam«, setzten auch sie einen Knix hin und siffelten heimwärts.

Das nächste Mal kamen die Frauen allein und von diesen nur acht. Und zuletzt hatte nur die alte Stinameller dagesessen, die fast blind und recht kümmerlich war, und sie erzählte vertraulich, sie sei nur des weichen Lehnstuhls halber gekommen, darin sie viel besser schlafen könne als daheim im Bett.