Pastor Ephraim Licht stand arg verdutzt über das Scheitern seiner Pläne, und Frau Luischen war ganz verzagt.

Sie holten sich Rat vom Schullehrer Manne Wögens.

Der lachte fröhlich und verstehend. »Herr Pastor, Sie sind Thüringer. Ihre leichtblütige, freundliche und liebenswürdig-zutunliche Gemeinde von ehedem, so recht aus dem Herzen Deutschlands heraus, wollen Sie den Halligleuten zum Muster geben. Das ist gefehlt. Weiß es ja von meiner Thüringer Mutter her, wie sie mitteilsam war, wie sie plaudern konnte. ›Schnutteln‹ nannte es der Großvater aus Rudolstadt. Da gab es keine Geheimnisse, da war keine lichtlose, unbesonnte Stelle in dem reinen, fröhlichen Frauenherzen. Die Halligleute aber nehmen all ihr Erleben und das der Voreltern zehnfach hinter Schloß und Riegel. Der einzige Freund, in den sie restlos alles niederlegen, das ist ihr ›Zeitbuch‹. Dem schenken sie äußerlich mehr Vertrauen noch als dem Herrgott. Könnten Sie in den alten Truhen nachschauen, Herr Pastor, da würden Sie Schätze finden. – – Liegt auch vielleicht nicht in jeder Truhe ein ganzes Buch, so doch mindestens ein paar beschriebene Blätter, zum Teil in die Urväterbibel hineingeklebt, darauf die einschneidendsten Erlebnisse verzeichnet sind.«

»So braucht die Hallig eigentlich keinen ›Seelsorger‹, sondern nur jemand für die äußerlichen, kirchlichen Handlungen,« meinte Pastor Licht mutlos.

Der Lehrer wiegte den Kopf. »Vielleicht! Die Halligleute holten sich an das Wort: ›Wenn du beten willst, gehe in dein Kämmerlein und schließe die Tür hinter dir zu.‹ Ich glaube nicht, daß viel in der Kirche gebetet wird. Aber sie hören Ihnen gern zu, Herr Pastor. Die volle Kirche muß Ihnen der Beweis sein. Lieber Herr Pastor Licht, Sie sind hier schon der rechte Mann am rechten Ort.«

Der Pfarrer lächelte. »Nun schlägt die liebenswürdige Thüringer Mutter auch bei Ihnen durch, Herr Lehrer, und Sie sagen mir schöne Sachen …«

»Es ist die Wahrheit«, sprach Manne Wögens warm. »Ich wollte Ihnen schon lange Ihren Nebenbuhler zeigen, Herr Pastor, … das ›Zeitbuch‹ des Halligmenschen. Da möchte ich wahrhaftig ein wenig Erbschleicher werden. Würden alle Halliger mir ihre ›Zeitbücher‹ vermachen, Herr Pastor, ich wäre plötzlich reich an wertvollstem Stoff für Halligkunde.«

»So hoch schätzen Sie das ein? Und Sie selbst, Manne Wögens? Führen Sie auch solch ein Zeitbuch, was wir bei uns den halbflüggen Dirnlein überlassen?«

Der Lehrer lachte freimütig. »Ich bin ein Halligmensch mit Leib und Seel trotz des Thüringer Einschlags. Und ich hab mein ›Zeitbuch‹ wie jeder hier. Hein Hasseldiek, der große Bösewicht, der zu Lübeck auf dem Rade starb, ist unbußfertig und leugnend dahingefahren, aber in seinem ›Zeitbuch‹ hat er alles eingestanden.«

»Huh«, lachte der Pfarrer. »Wollen Sie mich vorbereiten?« Und er wandte sich neckend zu Frau Luischen: »Du hast gestern noch gemeint, unser lieber Schulmeister sei wie ein aufgeschlagenes, schönes Liederbuch. Ja, so poetisch hat sie sich ausgedrückt, – du brauchst dich nicht schämig fortzuwenden, Luischen. Aber du mußt umlernen. Wehe, welch schwarze Geheimnisse Wögens’ Zeitbuch vielleicht enthält!«