»Da ist mir nicht bange drum«, sagte die Pastorin geruhig und schaute vertrauend zu dem Hünen auf.

Der schüttelte ihnen die Hände und schritt dann rasch ausholend seiner einsamen Klause zu.

Er wußte zutiefst, daß nichts verloren geht im Weltall, und daß er heute dem treuen Seelsorger ein neuer Wegweiser geworden war zu den wunderlich verschlossenen Herzen seiner Halliggemeinde. –


Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens.

Ist es möglich, daß wir schon wieder den September haben? So gibt es beinahe einen Jahresbericht in dieses Buch. – Die Sommerfrischler und Badegäste, die von Föhr hie und da für Stunden auf die Hallig kommen und sich die beste Mühe geben uns lahmzuschwatzen und totzufragen, versagen sich niemals den Ausruf: »O wie muß es im Winter hier langweilig sein!« Sie wissen nicht, daß dies Wort nicht in unserem Wörterbuch steht. Diese lästigen Eintagsfliegen! Könnte man die Tür seines Königreichs vor ihnen geschlossen halten! Welchen Reichtum an Arbeit bargen die Monate, die seit Edlefs Hochzeit und Melenkes Flucht vorüber sind. Arbeit! Segensreiche Himmelstochter! Du gehst mit deiner Schwester Ordnung kräftespendend Hand in Hand.

Der Frühling kam auf die Hallig und nahm mit seinem Sturm allen Winterstaub (wahrhaftig er lag in hoher Schicht) aus meiner Seele. Es ist hart, wenn ein aufrechter Friese am Verzagen ist … Was sage ich? Hart? Noch heute trage ich einen eklen Geschmack auf der Zunge, denk ich an jene kranke Zeit. Da habe ich mir eigene Arznei gebraut, habe ein wissenschaftliches Buch zu schreiben begonnen. Ein Buch von der Hallig. Diese Arznei hat mein Gebrechen geheilt. –

In meines Vaters »Zeitenbuch«, wie er es nannte, darinnen er die Erinnerungen an Großvater, Großmutter und seine eigene Jugendzeit barg, steht ein Wort: »Ein Wögens liebt nur einmal

Dies Erbteil meiner Väter verweist mich in die Einsamkeit. Sie war mir ja immer Treugeselle. – Doch ich war nie allein in der Einsamkeit, war nie einsam im Alleinsein. Der Hallighimmel, die Halligluft, die weiten Fennen und die salzen See schickten abertausend gute Geister zu mir. Und doch hat es Tage und Nächte gegeben seit der letzten Weihnacht, in denen ich gerungen habe, gebetet und geschrien. Und die Schreie, die man in sein Innerstes schickt, tun am wehesten.

Gut ist’s, daß der krumme Knecht ganz taub und meine Magd des Abends so müde ist, daß sie nichts von der Umwelt vernimmt, denn ich selbst bin aufgewacht von meinen eigenen Rufen: »Nomine! Nomine!«